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Bonn passé

Der Stichtag der Woche
Geschichte und Geschichten aus Bonn
Wolfgang Guting

Dichter des Proletariats

vor 152 Jahren: 31. Juli 1856
In Havanna auf Kuba stirbt Georg Weerth (1822-1856), ehemals kaufmännischer Korrespondent zu Bonn, Schriftsteller und früher Sozialist, im Alter von 34 Jahren an Gelbfieber.


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"Der erste und bedeutendste Dichter des deutschen Proletariats" schrieb Friedrich Engels 1883 in der Zeitschrift "Sozialdemokrat" über Georg Weerth. Werth, der nach dem Verlust seiner Stellung in Bonn nach England ging, lernte Engels dort auch persönlich kennen. Die Bekanntschaft von Karl Marx machte er später in Brüssel. Mit Marx und Engels kehrte Weerth 1848 nach Deutschland zurück, wo sie in Köln bei der Gründung der "Neuen Rheinischen Zeitung" assistierten. Dort übernahm Weerth das Feuilleton und wurde der erste sozialistische Feuilletonist in Deutschland.

Der am 17. Februar 1822 in Detmold geborene Weerth kam 1842 als zwanzigjähriger Mann nach Bonn, wo er die Stelle eines Korrespondenten in der Weberei Weerth & Peill annahm. Die Firma war 1803 von den beiden gleichnamigen verschwägerten Wuppertaler Herren gegründet worden. Als Firmengelände diente ihnen das Areal des ehemaligen Kapuzinerklosters, das sich vom Vierecksplatz, heute Berliner Freiheit, bis zum Belderberg erstreckte. Dort betrieb man das Spinnen, Weben und Färben von Baumwolle mittels von Pferdegöpeln gewonnener Energie - die Dampfmaschine wurde erst 1830 in den Betrieb eingeführt. Dem Haus waren auch eine Bank und eine Druckerei angeschlossen. Kein kleines Unternehmen also. Immerhin beschäftigte man 1810 180 Arbeitskräfte, die 1496 Spindeln bedienten.

Der Chef der Firma war Friedrich aus'm Weerth, ein Cousins des Vaters von Georg Weerth und einer der führenden Repräsentanten des rheinischen Industriekapitalismus. Man blieb also sozusagen in der Familie und ein Lebensweg als erfolgreicher Kaufmann schien für Georg vorgezeichnet. Allerdings füllte ihn die Arbeit in der Weberei nicht aus und so besuchte Georg nach Feierabend im Wintersemester 1842/43 als Gasthörer Vorlesungen in der Bonner Universität. U. a. gehörten hierzu Düntzers "Faust"-Vorlesung oder die geologischen Vorträge von Nöggerath. Er hörte aber auch die Vorlesungen des Dozenten für Kirchengeschichte Gottfried Kinkel. Zudem wurde er mit dem Privatier Karl Simrock bekannt. Kinkel und Simrock gehörten beide dem Dichterzirkel "Maikäferbund" an, dem auch Weerth beitrat. Hier wurde Weerth in seinen literarischen Ambitionen bestärkt, denn er hatte schon länger Gedichte geschrieben, die aber nicht veröffentlicht waren.

Das Verhältnis von Weerth zu Kinkel war in dessen Bonner Zeit offensichtlich sehr freundschaftlich. Später allerdings schlug die anfängliche Wertschätzung in Verachtung um, denn Weerth empfand die Rolle, die Kinkel 1850 als Märtyrer der Demokratie im Exil spielte, als Heuchelei.

Hermann Püttmann, ein Freund von Georg Weerth, den er seit 1838 kannte, war inzwischen Redakteur des Feuilletons der "Kölnischen Zeitung" geworden. Mit Hilfe Püttmanns konnte Weerth im Februar 1843 in der "Kölnischen Zeitung" das Gedicht "Die Schenke" veröffentlichen, das eine Gaststätte "Löwenburg" samt Wirtin, Wirt und Bedienung zum Inhalt hat. (Siehe Abdruck unten.) Weitere Veröffentlichungen von drei Gedichten erfolgten 1843 unter Vermittlung Püttmanns im "Jahrbuch für Kunst und Poesie".

Weerths Aufenthalt in Bonn sollte nur von kurzer Dauer sein und der Abgang erfolgte eher zufällig, als geplant. Im Mai 1843 beteiligte er sich an einer Bonner Kampagne für die Pressefreiheit und für die rechtliche Gleichstellung von Juden. Auch der damalige Oberbürgermeister der Stadt, Karl Edmund Joseph Oppenhoff, bekundete seine Sympathie für die Aktion. Weerth war inzwischen zum Privatsekretär von Firmenchef Friedrich aus'm Weerth avanciert und es gehörte zur Natur der Sache, dass er auch Einblick in dessen Korrespondenz bekam. So fiel ihm ein Brief von Oppenhoff an aus'm Weerth in die Hände; beide waren enge Freunde. In diesem Brief betrieb Oppenhoff eine Sabotage der Kampagne, für die er sich öffentlich einsetzte. Weerth konnte nicht anders und machte den Inhalt der niederträchtigen Aktion der Öffentlichkeit bekannt. Das war das Ende seiner Zeit in Bonn. Sein verwandter Chef konnte ihn nicht mehr halten und Georg ging nach England.

Die kurze Zeit in Bonn sollte aber noch in dem politischen wie in dem literarischen Werk von Weerth seinen Niederschlag finden.

Die unerträglichen Arbeitsbedingungen in der Frühindustrialisierung verdeutlichte er am Beispiel seiner ehemaligen Arbeitsstätte, der Weberei Weerth & Peill, wo 60 bis 70 Kinder unter 14 Jahren die Hälfte der Arbeitskräfte stellten, "die unterste Stufe der Elendsskala". Die Woche hatte sechs Arbeitstage mit 12 bis 13 Arbeitsstunden täglich. Und über die unterschiedlichen Lebensverhältnisse: "Verlassen wir die prächtige Wohnung des Fabrikanten, um in die niedrigen Hütten seiner Arbeiter zu treten, hinunter zum Rhein bis an die Stadtmauern. Die Häuser werden immer kleiner und unansehnlicher, die Fenster sind teils mit Lappen und Stroh verstopft, der Regen hat die Straße in Morast verwandelt, die stinkende, schmutzige Gasse wird so eng, daß wir mit ausgestreckten Armen rechts die Stadtmauer, links die Häuser berühren können."

Auch in den 1847 bis 1848 veröffentlichten "Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben" stand das Unternehmen Weerth & Peill Pate und Vorbild des dort karikierten Unternehmers Preiss ist niemand anderes als Firmenchef Friedrich aus'm Weerth.

--

Die Schenke
 von Georg Weerth

Mein Herz, des Sanges schier entwöhnet,
Schlägt jetzt von neuem wild und heiß.
Drum auf, ihr Saiten, klingt und tönet!
Ich singe einer Schenke Preis!

Dort ragt sie aus den Waldestannen

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