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Bonn passé

Der Stichtag der Woche
Geschichte und Geschichten aus Bonn
Wolfgang Guting

Bonner Student Olympiasieger

vor 138 Jahren: 16.09 1870
In Dublin erblickt John Pius Boland (1870-1958) das Licht der Welt, der als Bonner Student zweifacher Olympiasieger im Tennis-Einzel und Tennis-Doppel 1896 in Athen wird.


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Boland entstammt einer wohlhabenden Dubliner Familie, die ihre Brötchen mit einer Mühle und einer Großbäckerei verdiente. Die "Boland's Biscuits" sind auf der grünen Insel bis heute bekannt. Durch den frühen Tod seiner Eltern wurde er bereits mit zwölf Jahren Vollwaise. Seine Erziehung übernahm der Weihbischof in Dublin, sein Onkel, der auch für eine anständige Ausbildung seines Neffen sorgte.

Nach dem Schulbesuch in Dublin und Birmingham begann er in Oxford ein Jurastudium, das er 1895/1896 in Bonn fortsetzte. In Oxford besuchte Boland 1894 den Vortrag eines Griechen namens Konstantinos Manos, der über die Wiedergeburt der olympischen Idee und die geplanten Olympischen Spiele 1896 in Athen referierte. Ob hier schon der Plan in dem jungen Boland reifte, die Spiele in Athen zu besuchen, ist ungewiss. Jedenfalls hielt Boland den Kontakt zu Manos, der ihn dann 1896 schließlich nach Athen einlud. Doch davon später.

Als Boland am 7. Oktober 1895 in Bonn eintrifft, nimmt er zunächst Quartier im Hotel Kley am Koblenzer Tor. Sein Plan ist, sich mit der deutschen Sprache und den Gepflogenheiten an einer deutschen Universität bekannt zu machen. So verlässt er denn auch bald, am 11. Oktober, das Hotel und mietet sich in der Argelanderstraße ein. Da er selbst kaum Deutsch spricht, trifft er sich überwiegend mit Menschen, die das Englische beherrschen. Nichtsdestotrotz tritt er auch in die Burschenschaft "Bavaria" ein. Da er selbst ein überzeugter Katholik war, ist es nicht überraschend, dass seine Wahl auf die katholische "Bavaria" fiel, die zudem auch nicht zu den schlagenden Verbindungen gehörte, denn Boland konnte den Duellen der Korpsstudenten nichts abgewinnen.

Seine Erlebnisse außerhalb der britischen Inseln schrieb John Pius in einem Tagebuch nieder, das die Zeit von Oktober 1895 bis Mai 1896 umspannt. Das Tagebuch, das jahrelang verschollen war, tauchte 1994 unter dubiosen Umständen wieder auf, als es mit anonymen Absender an die "British Olympic Association" in London geschickt wurde. Auf den 137 handgeschriebenen Seiten finden sich auch etliche Beobachtungen aus Bonn.

So z. B. in einem Eintrag vom 18. Oktober 1895: "Diesen Nachmittag wurde ich Augenzeuge von 'Fußball', wie er in Bonn gespielt wird. Das Spiel fand zwischen den beiden führenden Gymnasien statt und wurde von einer Menge Leute beobachtet... Es fand auf dem Hofgarten unmittelbar vor den Universitätsgebäuden statt. ... Die Spieler schienen zwischen 15 und 18 Jahren alt zu sein, hatten aber nur eine vage Vorstellung von dem Spiel. Der Grundgedanke war, den Ball zu treten, wann immer man konnte. Dribblings oder Passspiel waren praktisch nicht existent. Einer der Jungen aber zog die Aufmerksamkeit auf sich, als er bei einigen Gelegenheiten den Kopf an Stelle des Fußes benutzte. In der Mitte des Spielfeldes befand sich ein nicht mehr genutzter Fischteich, der, wenn auch nicht zur Genauigkeit des Spiels, so doch zu seiner Exzentrik beitrug. ... Den Zuschauern gefiel das Spiel offensichtlich. Sie begrüßten alles, was wie ein Angriff, Sturz oder Fehlschuss aussah, mit einem Gelächter. Ihre Kommentare konnte ich aber nicht verstehen."

Boland trieb auch selbst Sport. In Bonn nutzte er die Gelegenheiten zum Eislaufen und spielte Fußball. In Irland und England scheinen aber Cricket und Rugby zu seinen Lieblingssportarten gehört zu haben. Das Tennisspiel gehörte jedoch nicht dazu, sondern war allenfalls ein gelegentlich praktizierter Sport.

Im Frühjahr 1896 machte sich Boland von Bonn auf, um einer Einladung des besagten Konstantinos Manos nachzukommen, den Olympischen Spielen in Athen als Zuschauer beizuwohnen. Seine Reise führte ihn über München, Wien, Graz, Triest und Patras in die griechische Metropole. Hier überredet ihn Manos, an dem olympischen Tennisturnier teilzunehmen, das mit zwölf gemeldeten Teilnehmern nur spärlich besetzt war. Ohne adäquate Vorbereitung und ohne eine entsprechende Ausrüstung, Boland spielte in Schuhen mit Ledersohlen und Absätzen, gewann John Pius das Tennis-Finale im Einzel in zwei Sätzen gegen den Ägypter Dionysios Kasdaglis mit 6:2 und 6:2.

Einer der Gegner, die Boland auf dem Weg ins Finale ausschalten musste, war der Deutsche Fritz Traun. Traun war ursprünglich als 800-Meter-Läufer angetreten, schied aber bereits im Vorlauf aus. So kaufte er einen Tennisschläger und meldete sich für das Turnier. Wenn auch der Auftritt im Einzel wenig erfolgreich war, konnte Traun im Doppel mit Boland die Goldmedaille gewinnen. Zum Sieg gegen den bereits im Einzel nur Vize gewordenen Ägypter Dionysios Kasdaglis mit seinem griechischen Partner Dimitrios Petrokokkinos wurden diesmal drei Sätze benötigt, die 5:7, 6:3 und 6:3 ausgingen. Über seinen Partner äußerte sich Boland nach dem Finalsieg bescheiden: "... die nächsten beiden Sätze gewannen wir 6:3, 6:3, hauptsächlich durch Trauns Netzarbeit. Das Angriffsspiel überließ ich ihm völlig und unterstützte ihn lediglich, aber spielte selbst miserabel."

Mit zwei goldenen Medaillen im Gepäck kehrte Boland nach Bonn zurück. Er blieb allerdings nicht mehr lang und reiste noch im gleichen Jahr nach England, wo er 1898 sein Studium beendete. Als Spitzensportler trat er nicht mehr in Erscheinung. 1900 wurde er Abgeordneter des irischen Wahlkreises South Kerry im britischen Unterhaus. Dort trat er als glühender Verfechter der irischen Unabhängigkeit und der irischen Sprache auf. 1918 unterlag er bei der Wahl einem Kandidaten der Sinn-Féin-Partei. Boland verstarb am 17. März 1958.

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