Logo Kultur-in-Bonn.de
Anzeige

Bonn passé

Der Stichtag der Woche
Geschichte und Geschichten aus Bonn
Wolfgang Guting

Auf der Schlossterrasse

vor 193 Jahren: 27. Juli 1815
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832) zu Besuch in Bonn.


Anzeige



goethe.jpg

Vor 1800 unternahmen nur wenige Deutsche das Unterfangen, ihre Reisen an den Rhein literarisch festzuhalten. Wenn man Alexander von Humboldt (1769-1859) oder Georg Forster (1754-1794) als Beispiel nimmt, so stellt man fest, dass hier sachliche Beschreibungen der Rheinlandschaft in Hinblick auf ihre Geographie oder ihre Ökonomie vorliegen. Der Weinanbau, der spätere Reisende ins Schwärmen gerieten ließ, wird von Forster als die Entwicklung des Rheinlands eher hemmend beschrieben. Von der Schönheit der Landschaft oder gar von romantischer Schwärmerei ist nichts zu finden, dafür aber um so mehr von der schlechten Bodenbeschaffenheit und der industriellen Rückständigkeit.

Warum es am Rhein so schön ist, war eher von englischen Reisenden zu erfahren, die meist aus adeligen und/oder begüterten Häusern stammend, nach Ende ihrer Ausbildung traditionell zu einer Bildungsreise auf das Festland aufbrachen. Das anvisierte Reiseziel war Italien und als Weg dorthin wurde die Fahrt durch das Rheintal seit Mitte des 18. Jahrhunderts immer beliebter. Sie waren von den steilen Ufern des Flusses, den Burgruinen und den mittelalterlich anmutenden Dörfern hingerissen. Zudem genossen sie die Unterkunft in meist einfachen Dorfgasthöfen und den dort ausgeschenkten Rheinwein.

Der Strom der Reisenden ebbte mit der Besetzung des linksrheinischen Rheinlands durch die Truppen Napoleon um 1800 allerdings ab. Jetzt verirrten sich dafür sporadisch Vertreter des deutschen Bürgertums an den Rhein. Sie empfanden die fremde Besetzung des "urdeutschen" Rheinlandes als eine Schmach und verklärten in Worten und Bildern die Landschaft zu einem Naturkunstwerk und erhoben die Geschichte der Region zur deutschen Geschichte. Der Rhein wurde zu Deutschlands Fluss und nicht zu Deutschlands Grenze.

Einer dieser Besucher war der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe. Goethe hatte bereits vom Juli bis August 1774 eine erste Reise an die Lahn und den Rhein unternommen. 30 Jahre später brach er 1814/1815 zu einer zweiten Reise an den Rhein auf und diesmal sollte ihn der Weg  auch nach Bonn führen. Von Köln kommend, wo er den noch nicht fertiggestellten Dom begutachtete, erreichte er Bonn am 27. Juli 1815, nachzulesen in seiner Schrift "Reise am Rhein und Main in den Jahren 1814 und 1815". Goethe scheint auch einen Spaziergang durch die Stadt unternommen zu haben, wie man dem Eintrag "Nach aufmerksamer Betrachtung einiger Kirchen" entnehmen kann. Die meiste Zeit verbrachte er offensichtlich in den Räumlichkeiten des Herrn Canonicus Franz Pick. "Dieser heitere geistreiche Mann hat alles und jedes was ihm als alterthümlich in die Hände kam, gewissenhaft gesammelt," schreibt Goethe. Sein Haus war voll von Objekten aller Art, was ihn sehr beeindruckte.

Der Höhepunkt des Besuchs war aber die Gartenterrasse des Hauses, der heutige Alte Zoll. "Hier sieht man unter freiem Himmel verschiedene architektonische Theile und Glieder, Säulen und Gesimstrümmer, so wie manche Zierrathsreste, zu Ruinen gruppirt, Inschriften zierlich eingemauert, halberhabene Arbeiten wohl vertheilt, große gebrannte Gefäße als Denkmale aufgestellt, und, mit wenigen Worten, hie und da wahrhaft rege patriotische Gesinnungen bedeutsam ausgedrückt." Hier also ließ man sich nieder und diskutierte mit den anwesenden Bonner Bürgern das Für und Wider der Errichtung einer Universität in Bonn: "Wenn die Einwohner von Bonn ihre Stadt zum Sitz einer Universität empfehlen, ist es ihnen nicht zu verargen. Sie rühmen die Beschränktheit ihres Orts, die Ruhe desselben. Sie betheuern die Achtung, welche dem Studirenden hier zu Theil würde, als nothwendigem und nützlichem Mitbewohner; sie schildern die Freiheit, die der Jüngling genießen würde in der herrlichsten Gegend, sowohl landwärts als rheinwärts und überrheinisch."

Von der Landschaft und den Sehenswürdigkeiten unserer Stadt ist sonst nicht viel zu erfahren und Goethe schließt seinen Anmerkungen über Bonn mit den Sätzen: "Diese und ähnliche Gespräche wurden auf der Terrasse des Schloßgartens geführt, und man muß gestehen, daß die Aussicht von demselben entzückend sey: der Rhein und die Siebengebirge links, eine reich bebaute und lustig bewohnte Gegend rechts. Man vergnügt sich so sehr an dieser Aussicht, daß man sich eines Versuchs, sie mit Worten zu beschreiben, kaum enthalten kann."


Diesen Artikel bookmarken:  
twitter.com  facebook.com  Mister Wong  LinkaARENA  StudiVZ.de  MySpace.com  Technorati  oneview  del.icio.us  google.com  YahooMyWeb  live.com  digg.com  MyLink.de  Webnews  YiggIt  Folkd  stumbleupon.com  Reddit  

Artikel per eMail weiterempfehlen
Anzeige

Tagestipps Donnerstag, 09.02.12

Alle Termine einer Veranstaltungsreihe:
Kalenderübersicht >>      Ticketshop >>

Magazin

Themen, Kritiken & Berichte
Kritik: Kino
Der Besessene
Wäre „positiv verrückt“ nicht eine durch inflationären Gebrauch im Sportsprech verbrannte Phrase, könnte man sie auf den Baseball-Manager und sportlichen Revolutionär anwenden, den Brad Pitt in „Moneyball – Die Kunst zu gewinnen“ spielt.

Kritik: Kino
Vampire Weekend
Kate Beckinsale geht als lacklederne Actionheldin in „Underworld: Awakening“ erneut auf Werwolfjagd. Eher etwas für Fans der Underworld-Streifen.

Thema: Sonstiges
Karneval auf der Straße
Bereits am 5. Februar beginnt der Bonner Straßenkarneval. Neuer Zugweg in Kessenich und Beuel. Eine Übersicht der Züge im Stadtgebiet.

Kritik: Literatur
Rückkehr nach 1Q84
Murakami-Buch3-cover-kib.jpg
Haruki Murakami entführt seine Leser noch einmal in die Parallelwelt 1Q84 und lässt die Hauptfiguren Aomame und Tengo zueinander finden.

Kritik: Kino
Zeit zum Innehalten
In Alexander Paynes Drama „Familie und andere Angelegenheiten (The Descendants)“ muss ein gegen sein Rollenklischee besetzter George Clooney familiäre Verantwortung übernehmen und wichtige Entscheidungen treffen.

Anzeige
Kritik: Kino
Leben und Sterben in L.A.
„Drive“ montiert Versatzstücke aus Film Noir, Actionkino und Westernmotiven zu einem anspruchsvollen Thriller – mit streckenweise virtuoser, aber kalter Meisterschaft.

Kritik: Kino
Proll-Charme versus Boheme-Bourgeoisie
Die französische Komödie „Mein liebster Alptraum“ zieht ihren Witz aus dem Zusammenprall zweier Welten. Ihre Stars um Isabelle Huppert halten das Interesse an der Geschichte trotz einiger Schwächen und Längen aufrecht.

Kritik: Kino
Zwischen Sexarbeit und Studium
Der österreichische Spielfilm „Tag und Nacht“ schildert das Leben zweier Studentinnen, deren einträglicher Nebenjob im Rotlichtgewerbe nicht ohne Auswirkungen auf ihr Alltagsleben bleibt.

Kritik: Literatur
Der kreative Innovator
Steve_Jobs-cover-kib.jpg
Genialer Tüftler und perfektionistischer Visionär, despotischer Manager und detailverliebter Kontrollfreak: Steve Jobs hat die digitale Welt mitgeprägt und stieg als eigenwilliger Computerunternehmer zur IT-Ikone auf.

Kritik: Kino
Die Performance entscheidet
Lehrjahre sind nicht nur keine Herrenjahre, sondern auch die erste Stufe zur berüchtigten „déformation professionnelle“. Das zeigt der Spielfilm „Die Ausbildung“ mit karger Ästhetik und kühlem Blick.

Anzeige
Anzeige
Anzeige