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Kritik: Musik - 09. Juni 2009 - Julia-Rebecca Riedel

Sexualisiertes Polit-Barometer

Heinz Ratz im Pantheon: Die 2. Etappe eines moralischen Triathlons.

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Schwimmend und singend unterwegs: Liedermacher und
Aktivist Heinz Ratz. (Foto: Promo)

Monumentalgesang im Pantheon. Zum Auftakt des 3. Pantheon-Liedermacher-Festivals stieg Radikalpoet und Liedermacher Heinz Ratz aus dem Rhein und - erheblich verspätet - mit seinem Ensemble Strom und Wasser auf die Bühne des Pantheon Theaters.

Mit seinen Gästen Anne Haigis und Götz Widmann reimte und rockte er bis in die späten Abendstunden quer durch gesellschaftliche Tabulandschaften, sich aus den Armen von Mutter Kultur schälend, flüchtend in die Verwahrlosung. Radikal, rabiat und wenig romantisch. Ein Abend für bittersüße Wahrheiten eben. 

Heinz Ratz und seine Ensemble hofften - nicht ganz unreflektiert - auf ein masochistisches Publikum, empfänglich für kraftvoll Sexualisiertes im Sinne von „Müllficken“. Im Pantheon versammelt: Burnout-Ökos, Kommunetouristen und Bildungsbürger auf Schnupperkurs beim B.U.N.D., mit dem zusammen Ratz seine Tour - „Die Lee(h)re der Flüsse“ - gestaltet. Der B.U.N.D. will mit dem schwimmenden Musiker auf Probleme an heimischen Flussläufen (Begradigung, Verschmutzung, Deichverlegung etc.) aufmerksam machen. Ratz, so der B.U.N.D., macht mit seiner Tour deutlich, wie wichtig gesundes Wasser und intakte Auenwälder sind.

Im Frühjahr 2008 versuchte Ratz mit dem „Lauf gegen die Kälte“, auf den zunehmenden Sozialabbau aufmerksam zu machen, wanderte von Dortmund nach München und gab jeden Abend Benefizkonzerte zugunsten Wohnungsloser. Vom 20. Mai bis zum 17. August 2009 ist Ratz nun zum 2. Mal auf Deutschlandtour – schwimmend.

Um die 20 Kilometer bewegt er sich tags in einem Fluss fort, abends gibt er Benefizkonzerte am Zielort. Verstärkung für seine Auftritte bekommt er von Künstlern wie Anne Haigis, Bodo Wartke, und Götz Widmann. Etwa 1.000 Kilometer will er sich bis Kiel schwimmend durch Flüsse bewegen: 50 Etappen, 50 Konzerte. Das ist Hochleistungssport. Sein Leben, so Ratz, ist dafür das ideale Training gewesen: „Es fing an, indem es beinahe endete. Mein Leben nämlich. Und in einer Jauchegrube. In die Hineinzuspringen mir als Zweijähriger sinnvoll schien. Oder nicht sinnvoll, aber ungeheuer spannend. (...) Zu dieser Zeit schon Weltbürger (...), wurde ich mit Waschmaschine, Geschirr, Schwester und anderen Nützlichkeiten nach Zarragossa gebracht, lebte dort mit Mutter und Tante und lernte lesen, weil außer ,Lesepeter’ kein anderes Spiel zur Verfügung stand. Meine Schwester, halbjährig, lernte es nicht. Sie wartete statt dessen auf ihre Zähne.“

Schwimmen für den Umweltschutz statt Saufen für den Regenwald. In den leisen Momenten, wenn der schlecht abgemischte Sound nicht die scharf-analytisch, exakten und nichts verschleiernden Texte korrumpiert, neben aller Trommelfellirritation, spricht Ratz darüber, wie es ist: Das Sein im Wasser. Über das Glücksgefühl, eine Ente zu überholen. Wie es ist: Im Fluss zu sein, sich einfach treiben zu lassen und die Kraft des Wassers zu spüren. Es geht um mehr Sex und mehr Gefahr, so Ratz, nicht einfach bloß darum, zu träumen.
Von mehr Gefahr zeugt die Touretappe Köln, bei der der Ausnahmesportler die Kraft des Wassers, vielmehr die Aggressivität des Wassers, deutlich zu spüren bekam. Die Strömung des Rheins habe ihn fast unter ein Schiff gezogen, verplappert sich Anne Haigis; Ratz selbst spricht nicht über sein Beinahe-Ende.

Aggressivität lässt auch die Musik des Liedermachers spüren. Mehr Sex, mehr Gefahr, weniger träumen. Dies kann durchaus programmatisch verstanden werden. Kraftvolle (hervorragende) Percussion, 13/8 Takt für Selbsterfahrungstänzer, wie Ratz selbst sagt, und provokative Texte über Politik „CDU-Tango“, Sex „Müllficken“ und Umwelt „Das Lied von der Elbe“.

Abstand vom Monumentalgesang, nimmt das subjektiv schönste Lied des Abends: „Das Lied von der Elbe“. Ein Liebeslied an eine Göttin. Einer Göttin, die aus dem Mittagsschlaf erwachend ihre Heimat verändert findet. Radikalpoetik auch hier, aber sehr viel leiser, sich zurücknehmend, endlich einmal der charmante Tonfall, um den sich Ratz den ganzen Abend bemüht, findend.

Ratz will provozieren, sagt selbst, er habe nie etwas anderes gewollt und provoziert. Er produziert sich in Übergröße, muss, will er etwas erreichen, weit zurück treten, ruhiger werden und dreht voll auf. Gemäß dem Motto: Lauter ist eben besser sehen wir den unreifen Internatsschüler im Höhenflug - fliegend und fallend.

Ratzscher Pausenfüller irgendwo zwischen musikalischem Softporno und Soziknödel: Götz Widmann. Gewohnt sonor stellt er sein neues, im November erscheinendes Album mit Liedern wie „Laptopwebcammann“ vor.

Absolutes Highlight des Abends und alles andere als ein Pausenfüller: Anne Haigis mit ihrem warmen, tiefen Blueston. Nachdem zwei Männer zwei Stunden sexuell aufgeladene Texte ejakulierten, schafft Haigis Bluesfeeling und einen Hauch von Erotik allein mit ihrer Stimme, haucht dem übertrieben Körperlichen Leben ein. Haigis lacht über die „Spielgeilheit“ der anderen, spielt selbst voller Leidenschaft und Hingabe. „Nacht aus Glas“ widmet sie Heinz Ratz, vor dessen Arbeit sie, wie sie sagt, großen Respekt hat.

Ratz, die II., heizt das wenig reflektierte Kommunerockkonzert zum Tanzkonzert auf. Das System des Abends: extreme Überlänge. Endlich geht Ratz ab. Doch noch bevor sich das verbliebene, tanzwütige Publikum in Zugabenstimmung geklatscht hat, stehen Strom und Wasser wieder auf der Bühne, den Mond ins Gefängnis klampfend.

Diskutieren Sie mit: Schwimmen für den Umweltschutz oder doch lieber Saufen für den Regenwald

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