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Kritik: Musik - 07. April 2009 - Wolfgang Guting

Der Besuch der alten Männer

Die Pretty Things am Sonntag, den 5. 4. 2009 in der Harmonie.

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Fotos: Kornelia Rzonsa

Zum vierten Mal innerhalb von fünf Jahren beehrte eine der lebenden Legenden der Rockmusik die Endenicher Harmonie. Als Manager Mark St. John die Band mit „the oldest, loudest, ugliest and dirtiest band of the world“ ankündigte, war dies nicht nur Marktschreierei, sondern hinter dieser Ankündigung steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit, allerdings mit der Einschränkung, dass dies nun schon eine Weile her ist.

Sie waren in den Sixties in der Tat die Schmuddelkinder der Londoner Bands. Die Top-Positionen der Hitparaden blieben Ihnen versagt. Lediglich „Don’t bring me down“ brachte es in den UK 1964 auf Platz 10 der Charts. Während Sir Paul McCartney und andere den Knicks am königlichen Hofe vollführten, blieben die Pretties „dirty“, zumindest was ihre Darstellung in der britischen Presse anbelangt. Hier wurde über die Glorifizierung des Alkoholkonsums auf ihrer Single „Midnight To Six Men“ lamentiert, angebliche sexuelle Verfehlungen von Sänger Phil May angeprangert oder über Schlägereien berichtet, die sich die Band mit dem Publikum lieferte. Der Höhepunkt der Provokation war schließlich mit der Single „L.S.D.“ (1966) erreicht, der ersten Erwähnung der Synthiedroge in der Popmusik überhaupt. Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass die Radiostationen die Single bannten und Stimmen des britischen Volkes quasi die Exekution der Musiker forderten.

Wenn man von den sensationsgeilen Berichten in den britischen Boulevardblättern wie „The Sun“ absieht, stellt sich das Bild der Band allerdings recht anders dar. Die Pretty Things wurden von ihren Musikerkollegen immer als nette und hilfsbereite Jungs geschildert, die für jeden Quatsch zu haben waren, allerdings auch über die Stränge schlugen, wie jede andere britische Band auch, nur vielleicht ein bisschen heftiger und häufiger. Und genau das „ein bisschen mehr“ unterschied die Pretty Things auch musikalisch von ihren Zeitgenossen, namentlich den Rolling Stones, mit denen sie ein Teil gemeinsame Historie und die gleichen musikalischen Wurzeln verbinden. Die Pretties waren immer ein bisschen dreckiger als die Stones, ein bisschen rauher und ein bisschen ehrlicher.

Und genau das sind sie bis heute geblieben. Sie sind die wohl ehrlichste Band aus den Ursuppen-Tagen der Rockmusik, die heute noch auf der Bühne zu finden ist. Ehrlich in dem Sinne, dass sie Spaß, unendlichen Spaß, an ihrer Musik haben. Und das kommt auch rüber, das Publikum spürt es. Phil May, Jahrgang 1944, betritt die Bühne im Blues Brothers Outfit mit schwarzer Schlitz-Sonnenbrille, doch lange dauert es nicht, bis das Jacket in die Ecke geflogen ist, das weiße Hemd aus der Hose hängt und der Schlips lose um den Nacken baumelt. Und Gitarrist Dick Taylor, Jahrgang 1943, ein wenig an den skurillen Catweazle erinnernd, ebenfalls im Anzug, ein wenig ruhiger auf der Bühne als Phil, auch bald den Binder lockern muss, um die drückend schwüle Luft in der Harmonie zu ertragen.

Dabei hat Dick schon einen Auftritt hinter sich. Im Vorprogramm spielte ein noch nicht einmal zwanzig Lenze zählendes Duo namens The Malchicks Bluesstandards mit Britpop-Touch. Durchaus hörenswert, wie die junge Sängerin Scarlett Wrench und Gitarrist George Perez Songs intonierten, die schon in der Jugend ihrer Eltern Klassiker waren. Unterstützt wurden die beiden von Pretties Manager St. John an den Drums und eben von Dick Taylor, der sich als Förderer der jungen Talente versteht, am Bass.

St. John turnte nachher auch mit den Pretties auf der Bühne rum, als weitere Stimme und Perkussionist. Perez übernahm den Bass-Part der Pretties und auch Scarlett tauchte hier und da als weitere Stimme auf. Insgesamt also alles eine große Familie. Aber Hauptsache, man hat Spaß (s.o.).

Das Programm bestand hauptsächlich aus den alten bis uralten Songs der Band. Lediglich „The Baet Goes On“ von dem 2007er Album „Balboa Islands“ war neueren Datums. Mit Ausnahme von „Havanna Bound“ von dem 72er Album „Freeway Madness“ stammte der Rest aus den Sixties. Höhepunkt des ersten Teils des Konzertes waren drei Stücke von dem S.F. Sorrow Album (1968), „S. F. Sorrow Is Born“, „She Says Good Morning“ und „Baron Saturday“. Treibender Beat, laute Gitarren und knallende Drums trugen die Energie der Band zum Publikum. Und dann eine Verschnaufpause, die ausgerechnet von den Senioren der Band, May und Taylor, bestritten wurde. Taylor spielte ein wenig Blues mit viel Slide-Gitarre und May sang dazu. Das Tempo war deutlich reduziert. Und in den Pausen zwischen den Stücken merkte man doch, dass den Herren auf der Bühne die Puste schon ein wenig ausgegangen war. Aber aufgeben is nicht, „Rock’n’Roll will never die“ und ohne Verzögerung ging es mit „Come See Me“ in den zweiten Teil der Performance. Es folgte „Buzz The Jerk“ mit dem seinerzeit tödlichsten Bass weltweit. Die Fahrt war wieder aufgenommen, „Midnight To Six Man“, „Rainin’ In My Heart“, „Judgement Day“, „Bring It To Jerome“ und dann ein wahrhaft fulminantes Finale: Ein Medley aus „L.S.D.“, einer lauten psychedelischen Gitarrenimprovisation von Taylor und aus „Old Man Going“ setzte einen würdigen Schlusspunkt unter den regulären Teil des Abends. Das Publikum in der gut besuchten Harmonie forderte Zugaben, die die Band auch bereitwillig gab.

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