Anzeige
Literatur – 12. Mai 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Zeig mir das Leben!

Michela_Murgia_Chiru_Roman_Bonn_kib_01.jpg

Michele Murgia: Chiru. (Bild: Verlag)

Michela Murgia erzählt in ihrem Roman „Chirú“ von der Beziehung einer sardischen Schauspielerin zu einem wissbegierigen jungen Mann.
Anzeige
„Chirú kam zu mir wie die Holzstücke an den Strand, geschliffen und verbogen, als Überrest eines langen Treibens.“ So beschreibt Eleonora im ersten Satz des Buches das Erscheinen dieses Achtzehnjährigen, eines talentierten Musikers und Studenten am Konservatorium, der unerfahren wirkt und doch sehr selbstsicher – und der großen Einfluss auf ihr Leben nehmen wird.

„Er war sehr jung, doch in seinem Blick lag eine Verletztheit, als betrachte er die Welt bereits aus der Perspektive eines Versehrten. Ich würde gerne behaupten, dass zwischen uns sofort eine gegenseitige Anziehung bestand, doch das wäre eine Lüge.“ Chirú erzählt seiner neuen Bekannten von seiner großen Liebe, einem Mädchen, das fatalerweise einen anderen begehrt. Derweil erkennt die Ältere in dem juvenilen Gesicht einen „Schmelztiegel von im Werden begriffenen Gegensätzen“, ein Antlitz voller Pickel und doch von im Entstehen begriffener Schönheit.

Die Dame Eleonora, eine achtunddreißigjährige erfolgreiche Bühnenschauspielerin, schmilzt dahin; bei ihr entwickeln sich Gefühle und „ein emotionales Leuchten“, und sie betrachtet bei dem Jungen mit seinem zurückhaltenden und zugleich dreisten Auftreten die „Anmut seiner langen Gliedmaßen“. So nimmt sie sich des Teenagers als Lehrerin an. Als Lehrerin wofür? Für die Kunst, die Liebe und das Leben. Dabei waren Eleonoras frühere Schüler noch jünger als Chirú ...

Die Geschichte spielt zum Teil auf Sardinien, in der Heimat von Michela Murgia, der Autorin dieses Romans. Von Beginn an knistert es erotisch in diesem in der Ich-Form geschriebenen Buch, wenngleich Neuland nicht betreten wird. Die Literatur kennt Romanzen zwischen etwas älteren und sehr jungen Menschen, und die cineastische Mrs. Robinson verführte vor fünfzig Jahren in dem Kultfilm „Die Reifeprüfung“ den adoleszenten Dustin Hoffman.

Murgia lässt ihre beiden Protagonisten über viele Seiten hinweg sich umkreisen und behutsam zueinanderfinden. Es bleibt ausreichend Raum für tiefsinnige Gespräche und philosophische Betrachtungen. Eleonora blickt auf ihre früheren Schüler zurück und lässt uns teilhaben an ihren Gefühlen und Empfindungen für diese sehr jungen Männer mit ungewöhnlicher geistiger Reife.

Aber: „Es gibt Seelen, die irgendwo einen geheimen Sprung haben, einen unsichtbaren Riss, der selbst denjenigen verborgen bleibt, die ihn in sich tragen.“ So endet die Beziehung zu dem jungen Nin mit einer Katastrophe. Entgegen ihrem daraufhin gefassten Entschluss, fortan keine Schüler mehr anzunehmen, entscheidet sich Eleonora, doch zum Protegé für Chirú zu werden.

Zögerlich entwickelt sich in diesem Roman jene Annäherung zwischen beiden, die Chirús Mutter bei einer Begegnung mit Eleonora in einer schmallippigen Bemerkung als „alles andere als normal“ definiert. Sind die beiden nur Vertraute oder bereits Liebende? Mal ist die Schauspielerin zu einem Engagement in Schweden, wo sie eine Affäre hat, während Chirú seine Mentorin schmerzlich vermisst; mal treffen sich die beiden in den Straßen von Florenz oder Cagliari.

Sie diskutieren über die Kunst und die Welt, und so lernt er von ihr und zugleich sie von ihm. Kapitel reiht sich an Kapitel, Selbstreflexion an Selbstreflexion – und der Leser wartet gespannt ab, welche Form die Beziehung der beiden Protagonisten nehmen wird. Die Autorin flicht in ihre Geschichte voller subtiler Erotik viele ironische und kritische Betrachtungen über das Kunstgeschehen mit seinen allzu oft schillernden Akteuren ein.

Michela Murgia: Chirú. Roman. Aus dem Italienischen von Julika Brandestini. 208 Seiten. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017. 20,00 Euro.

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick bei amazon.de kaufen
Das könnte Sie auch interessieren:
Bonner Kultur-Adressen
Über 700 Adressen. Alles Orte oder Personen, die in Bonn Kultur bieten. 


Die Adressen der Bonner Kulturszene. 
Ticket-Shop
Tickets gleich online buchen. Hier auf Kultur-in-Bonn.de!


Jetzt Tickets buchen!


Kater & Köpcke
Anzeige
Terminkalender
Alle Termine der Bonner Kultur. Kino, Theater, Konzerte, Ausstellungen, Kabarett und, und, und...

Jetzt stöbern!

Soziale Netzwerke
Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter. Oder nutzen Sie den RSS-Feed, um immer auf dem neuesten Stand zu sein.

Meistgelesen in Literatur

Kritiken

Themen

A la une

Bonner Kultur-Adressen
Über 700 Adressen. Alles Orte oder Personen, die in Bonn Kultur bieten. 


Die Adressen der Bonner Kulturszene. 
Ticket-Shop
Tickets gleich online buchen. Hier auf Kultur-in-Bonn.de!


Jetzt Tickets buchen!


Kater & Köpcke
Anzeige
Terminkalender
Alle Termine der Bonner Kultur. Kino, Theater, Konzerte, Ausstellungen, Kabarett und, und, und...

Jetzt stöbern!

Soziale Netzwerke
Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter. Oder nutzen Sie den RSS-Feed, um immer auf dem neuesten Stand zu sein.