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Literatur – 19. Dezember 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Wir bitten um Nahrung ...

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Doron Rabinovici: Die Außerirdischen. (Bild: Verlag)

Doron Rabinovici lässt Aliens auf der Erde landen, die eigentlich ganz nett sind. Aber sein Buch mutiert zu einer bitterbösen Gesellschaftskritik.
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„Sie kamen über Nacht. Wir schliefen tief. Eng umschlungen. Nichts war zu hören; kein Lärm, keine Schreie, keine Schüsse. Nicht das Brummen von Maschinen. Im Rückblick war das einzig Ungewöhnliche die Stille, die über uns lag. Beklemmend bis heute, heimgesucht worden zu sein, ohne irgendetwas bemerkt zu haben. Als wir aufwachten, war über uns entschieden.“

So beginnt der Roman „Die Außerirdischen“ des in Wien lebenden israelischen Autors Doron Rabinovici. Die Welt, plötzlich von Fremdlingen beherrscht, gerät zunächst völlig aus den Fugen. Anarchie breitet sich aus, die Stromversorgung bricht zusammen, Plünderer bedienen sich ungehemmt, es herrscht das Faustrecht. Wirre Verschwörungstheorien zirkulieren in der öffentlichen Diskussion. Dann zeigen sich die Fremdlinge, die äußerlich so fremd gar nicht sind.

Sol und Andrea heißen die menschlichen Protagonisten der Geschichte. Sol ist Redakteur eines kleinen Online-Magazins zu gastronomischen Themen – und will von den Aliens auch wissen, welche Speisen ihnen besonders schmecken. Nicht weniger als eine Einführung in die Mysterien galaktischer Gerichte und kulinarischer Köstlichkeiten erhofft er sich. Schließlich verändert die Ankunft der Fremden auch den Speisealltag fundamental.

Die Aliens reden zunächst nicht mit den Erdenbewohnern, bringen dann aber ihren Wunsch vor, regelmäßig eine gewisse Menge an Menschenfleisch zu verzehren. Soviel zu den Essgewohnheiten. Schon bald veranstaltet man grelle TV-Gameshows mit freiwilligen Kandidaten, deren Sieger, die „Champs“, Luxus und unermesslichen Reichtum erhalten, während die Verlierer mittels einer „menschengerechten Schlachtung“ zu der angeforderten Nahrungsquelle für die Aliens werden. Immerhin erhalten die Hinterbliebenen eine großzügige finanzielle Entschädigung.


Die Trauminsel in der Südsee – der blanke Horror

Fragen über Fragen tun sich auf: Ob es bei den Fremdlingen wohl auch Völlerei gibt, ob sie unter Magersucht leiden oder unter Sodbrennen? Sind solche im Fernsehen übertragenen Wettkämpfe juristisch, ethisch und moralisch zulässig, und welches Gericht ist ggf. für die Aliens und die Prüfung ihrer Forderungen zuständig? Welche Justiz „verhandelt die Interessen verschiedener Rassen im Universum“? Ist das „Frittieren eines Neugeborenen“ schrecklicher und unanständiger als die Zubereitung eines Schweinekoteletts? Starb nicht auch der heilige Laurentius von Rom auf einem glühenden Eisenrost?

Rabinovici ist eine geistreiche, straff erzählte Satire mit anfangs herrlicher Gesellschafts- und Medienkritik gelungen, ehe einen die Geschichte sehr nachdenklich macht. Die Ankunft der Außerirdischen findet im Stillen statt und wird nur regierungsamtlich mitgeteilt. Ist sie real? Popstars finden sich zu einem solidarischen Song „We are all Aliens“ zusammen und Exobilien, Grundstücke im Weltall, sind plötzlich überaus gefragt. Ganz nebenbei erfährt man, dass „eine Atommacht“ nukleare Raketen losschickte. Die Aliens legten die Systeme lahm und schützten die Menschen auf diese Weise vor sich selbst.

Wohlstand, Sicherheit, Frieden und Zugang zu nicht endenden Ressourcen versprechen die Fremdlinge. Nie mehr Hunger, nie mehr Krankheiten. Das hört sich gut an. Doch die Handlung nimmt keinen guten Verlauf. Terrorattacken und Aufstände breiten sich aus, die Freiheitsrechte gehen verloren, und nun lesen wir einen zunehmend dystopischen Roman. Am Ende steht ein faschistisches System mit einem Konzentrationslager auf einer tropischen Insel, stehen die Deportation per Stehplatz im Flugzeug sowie die brutale Selektion direkt nach der Ankunft.

„Noch wollte niemand an das Schlimmste glauben. Das alles musste ein Missverständnis sein, das sich aufklären würde.“ Aber nein, es ist Barbarei mit sehr deutlichen Parallelen zum Dritten Reich oder zum Gulag. Ein Ort des Grauens mit Kapos, Zwangsarbeit und einem riesigen menschlichen Schlachthof. Die Zivilisation bleibt auf der Strecke. Lernt der Mensch denn gar nichts aus der Geschichte? Das ist dann doch nicht, was die Aliens von der Erde erwarteten ...

Doron Rabinovici: Die Außerirdischen. Roman. 255 Seiten. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 22,00 Euro.

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