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Literatur – 08. Juli 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Verschwinde von hier!

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Bastian Asdonk: Mitten im Land. (Bild: Verlag)

Ein Mann steigt aus seinem bisherigen Leben aus, sucht in der ostdeutschen Provinz einen Neuanfang und gerät unter richtig üble Nachbarn.
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Schön und romantisch kann die Natur sein, denkt man zu Beginn von Bastian Asdonks Debütroman „Mitten im Land“. Ein Traum vom entschleunigten Leben, so wirkt die Idylle auf den alters- und namenlosen Erzähler dieser Geschichte. Er will dem Stress und der Hektik der Stadt entfliehen und kann nicht ahnen, dass es ganz anders kommen wird mit seiner frisch erworbenen Bleibe mitten im Grünen, weitab von den ungeliebten urbanen Zentren, irgendwo in der ehemaligen DDR.

„Fast in der Mitte des Landes, weit entfernt von den Ber¬gen im Süden und dem Meer im Norden, liegt der See“, erfahren wir. „Umgeben von dichtem Wald ist er nicht groß, aber unter der dunkelgrünen Oberfläche reicht er tief in die Erde. Seine morastigen Ufer, aus denen knorrige Wurzeln herausragen, fallen zum Wasser ab. Trauerweiden lassen ihre langen Äste kraftlos in das Wasser hängen, dahinter stehen Fichten, Bir¬ken und Tannen in einem märchenhaften Dickicht aus Sträuchern und Farnen. ... Durch die knospenden Birkenzweige fallen die schwa¬chen Strahlen der Frühlingssonne. Das Licht blendet mich, wenn ich den Kopf nur ein Stück zur Seite bewege, und ich versuche, still zu stehen.“

Sein eigenes Leben will der Mann führen, sein eigenes Gemüse anbauen, ohne Fremdbestimmung sein und einen Burnout überwinden. Doch möchte er seine ehemaligen Kollegen und Vorgesetzten nicht verurteilen, denn „sie leben nur in einem System, das sie gegeneinander aufwiegelt und sie zu Neid und Gier erzieht. Es war, als hätte mein Körper, und ich begreife den Verstand ausdrücklich als Teil des Kör¬pers, seinen Dienst aus Schutz gegen die ständige Überlas¬tung quittiert.“

Detailliert wird die neu entdeckte Freude an der Gartenarbeit beschrieben und auch das körperliche Erstarken des Karrieremüden. Man fühlt sich – passend zu dessen 200. Geburtstag – an den Amerikaner Henry David Thoreau erinnert und an sein Standardwerk „Walden“. Auch an Peter Camenzind, Hermann Hesses so sehr naturverliebte literarische Figur. Oder an Christopher McCandless, den ganz realen jungen Aussteiger aus „Into the Wild“. Wie symbolhaft ist es, dass der Protagonist dieses Romans als ersten Film nach seinem Einzug „Straw Dogs“ anschaut, jenen Kultthriller, in dem sich ein junges Paar gegen gewalttätige Dorfbewohner erwehren muss.

Kaum hat der Mann das Haus aus den Zwanzigerjahren und den dazugehörigen Garten von den Habseligkeiten und Verschmutzungen des Vorbesitzers geräumt, macht er sich auf, die Gegend und seine neuen Nachbarn im Dorf kennenzulernen. Letztere erweisen sich als seltsam und einigermaßen verschroben. Ohne menschliche Regung wird eine Eule erschlagen, die sich in einem Kamin verfangen hatte und, obwohl bereits aus ihrer Notlage befreit, ihr Leben lassen muss. Oder einem Huhn der Kopf abgehackt, um es für den Verzehr vorzubereiten.


„Jeder Mensch darf so leben, wie er will“

Beim Dorffest erlebt der Protagonist offene Gewalt, welche die Umstehenden völlig verharmlosen. Einige junge Männer schlagen den Metzger zusammen, und niemand schreitet ein. Denn diese Gewalt ist rechtsradikal, xenophobisch motiviert und sozusagen „ortskonsensual“. Blaue Kornblumen werden schon mal in Form eines Hakenkreuzes gepflanzt. Nachdem man mehrfach Ausländer im Dorf angegriffen und vertrieben hatte, ohne dass dies relevante Strafen nach sich zog, richten sich die Aversionen schon bald gegen den neuen deutschen Nachbarn, den ungeliebten Städter.

Hinzu kommt, dass der Protagonist die junge Maja kennenlernt und sie mit Hilfe einer Partydroge – einem Relikt aus seinem alten Leben – gefügig macht. Dieses intime Zusammensein lässt die Lage eskalieren. Die Idylle zerbricht. Dabei „wollte ich nicht mehr in der Stadt leben, mich abfinden mit all dem Dreck und dem Irrsinn, dem Lärm und der Ge¬walt und all den Menschen, die nur an ihren Vorteil denken.“

Das Haus, obwohl nach und nach zur Hochsicherheitszone ausgebaut, bietet keinen Schutz mehr; die anfangs freudespendende Gartenarbeit ist nun fad. Erst die Bewohner eines anthroposophischen Hofes nehmen sich des verunsicherten Mannes an. Sie verfolgen jenes Ideal, das dem Protagonisten vorschwebt, wenden sich gegen die Ökonomisierung der Gesellschaft und die Ausbeutung des Einzelnen als billige Arbeitskraft. Wahre Gutmenschen sind auch sie nicht...

Der Debütroman des Berliner Autors Bastian Asdonk, gut geschrieben und im Präsens verfasst, ist atmosphärisch dicht und baut geschickt eine schon bald mehr als subtile Spannung auf: Fremde Geräusche, aggressive Pollen, gefährliche Gewässer, die ungewohnte Stille und drückende Einsamkeit trüben das neue Leben, ehe es zu offener Gewalt kommt.

Aber der Protagonist möchte bleiben: „Ich bin im Recht. Nicht in einem juristischen Sinn, sondern in einer ursprünglichen Bedeutung, die sich allein daraus ergibt, dass jeder Mensch so leben darf, wie er will, wenn er anderen nicht damit schadet. Es ist mein unveräu¬ßerliches Recht, mir einen Ort in diesem Land auszusuchen, an dem ich leben möchte. Genauso wie es mein Recht ist, mein Leben zu führen, wie ich es für richtig halte.“

Diese schöne Vorstellung von der Naturidylle wird zerstört durch die brutale Realität. Der Autor flicht in seine Geschichte die starken und fortbestehenden Vorbehalte unter Ostdeutschen gegen die Wiedervereinigung ein. Und er legt den Finger mahnend auf die Ausbreitung rechten Gedankenguts gerade in Gegenden Deutschlands, wo man Städter, Auswärtige und fremde Einflüsse schon immer skeptisch betrachtete.

Bastian Asdonk: Mitten im Land. Roman. 224 Seiten. Kein & Aber Verlag, Zürich 2016. 20,00 Euro.

 
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