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Literatur – 18. November 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Parker, Edna – und Richard

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Richard Ford: Unter ihnen. (Bild: Verlag)

Richard Ford, einer der erfolgreichsten Gegenwartsautoren Amerikas, stellt uns in seinem neuen Buch seine Eltern vor: „Zwischen ihnen“.
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Mit viel Liebe zum Detail – und mit erkennbarer Zuneigung zu Vater und Mutter – entstand dieses Doppelporträt, und wir erfahren in dem schmalen Band beinahe intime Einzelheiten über die Familie Ford. Edna traf den irischstämmigen Parker mit siebzehn in einem Obst- und Gemüseladen in Hot Springs, Arkansas, als dieser, traumatisiert nach dem Suizid des Vaters (einem durch Fehlinverstitionen verarmten, zuvor aber „zum Dandy gewordenen Farmer mit Goldknauf-Spazierstock“), dort arbeitete. 1928 heirateten die beiden.

Parkers Mutter Minnie, eine Kleinstadtwitwe und Presbyterianerin, hatte Vorbehalte gegen Edna, weil diese auf einer katholischen Nonnenschule erzogen worden war. Dabei war sie von ihrer Mutter nur dorthin gegeben worden, „um sie aus dem Weg zu haben“. Aber Minnie ließ sich nur schwer von ihrer Überzeugung abbringen, dass ihr Filius im Grunde vor den Katholiken beschützt werden müsse.

Später arbeitete Parker als Handelsreisender für eine Firma in Kansas und verkaufte Wäschestärke in sieben südlichen Bundesstaaten. Schon bald beschloss Edna, gemeinsam mit ihm den Alltag zu bestreiten: Die beiden lebten on the road, im Firmenwagen und in Hotelzimmern, und gaben in kleinen Städten auch Hauswirtschaftsunterricht. Wie und wo setzt man Wäschestärke im Alltag ein, das lernten die jungen Mädchen aus der tiefen Provinz.

Als Parkers und Ednas Kinderwunsch bereits unerfüllt zu bleiben schien, erblickte im Februar 1944 der kleine Richard das Licht der Welt, das einzige Kind der beiden. Parker, geboren 1904 und sechs Jahre älter als seine Frau, war der Rekrutierung durch die Streitkräfte entgangen, da er als Soldat für die Weltkriege zu jung bzw. zu alt war. Nun also bildeten die Fords eine kleine Familie.

Bald schon galt eine strikte, wenn auch unausgesprochene Regel: Für Richard war die Mutter zuständig, die nun zuhause in Jackson, Mississippi, blieb; mit Erziehungsfragen belastete man den Vater am Wochenende nicht. „Meine Mutter“, teilt uns der Autor mit, „hatte plötzlich ein Baby bekommen ... und beklagte sich nie, soweit ich hören konnte. Allerdings war sie sprunghaft – auch darin, wie sie liebte. Eine, die brüllte, ohrfeigte, die Stirn runzelte und finster blickte.“

Parkers Lebensweise forderte ihren Tribut: Mit 43 Jahren erlitt er einen Herzanfall. In ein „verschattetes, melodramatisches Licht“ möchte Richard Ford die folgende Zeit tauchen, jene zwölf Jahre zwischen diesem Infarkt und dem plötzlichen Tod des Vaters. Ob er wohl Angst hatte vor dem Lebensende? Parker, übergewichtig, oft fröhlich und bisweilen aufbrausend, verringerte sein Arbeitspensum und gab das Rauchen auf, doch ansonsten lief alles ab wie zuvor. Er erhielt keine Tabletten, und koronare chirurgische Eingriffe waren noch nicht üblich.

Edna bleibt alleine zurück

Vieles bleibt in Richards Erinnerung unscharf, aber Vater-Sohn-Gespräche der üblichen Art kann es kaum gegeben haben: „Wenn wir nebeneinander die Straße entlangliefen – zur Post, um sonntagvormittags seine Spesenrechnungen abzuschicken – oder im Auto saßen, auf seiner Vertretertour, worüber redeten wir da? Ich habe keine Vorstellung davon. ... Aber ich glaube nicht, dass ich je links liegengelassen wurde oder den Kürzeren zog oder dass mein Vater jemals etwas anderes als ein guter Vater war – so gut er eben sein konnte.“ Vier Tage nach seinem sechzehnten Geburtstag verlor Richard seinen Dad.

Ein Haus war zuvor gekauft worden, und dort lebte nun Edna als Witwe; Richard ließ sie 1962 unter Tränen zum Studium ans College gehen, und 1968 heiratete der Sohn. Der literarische Erfolg blieb trotz ersten Veröffentlichungen noch aus, und die Mutter ermahnte den Filius, er möge sich doch einen anständigen Beruf suchen. Auf Edna, die 1981 starb, konzentriert sich der zweite Teil des Buches, es ist eine bereits vor langer Zeit entstandene Erzählung.

„Das Leben meiner Mutter zu betrachten ist ein Akt der Liebe“, hebt der Autor hervor. „Meine unvollständige Erinnerung an ihr Leben sollte nicht mit unvollständiger Liebe verwechselt werden. Ich liebte meine Mutter, wie es ein glückliches Kind tut, ohne nachzudenken und ohne zu zweifeln. Und als ich erwachsen wurde, als wir beide Erwachsene waren, die einander kannten, betrachteten wir uns voller Hochachtung.“

Erst mit seinen späteren gesellschaftskritischen Romanen, einige davon um die tief in der Midlife-Crisis steckende, vom Leben schwer enttäuschte und zunehmend misanthropische literarische Figur Frank Bascombe, erlangte Richard Ford großen Ruhm; sein Buch „Unabhängigkeitstag“ wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. In „Zwischen ihnen“ porträtiert der Schriftsteller seine Eltern auf bewegende Weise, beschreibt er liebevoll ihr keineswegs spektakuläres Leben. Zugleich führt er uns in die USA von einst, in eine versunkene Epoche Amerikas.

Richard Ford: Zwischen ihnen. [Between Them. Remembering My Parents] Aus dem Englischen von Frank Heibert. 144 Seiten. Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München 2017. 18,00 Euro.


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