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Literatur – 05. Juni 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Mauds einsame Segeltour

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Andrew Miller: Nachts ist das Meer nur ein Geräusch. (Bild: Verlag)

Das Leben einer introvertierten Frau vor und nach einem Schicksalsschlag: Andrew Miller legt mit „Nachts ist das Meer nur ein Geräusch“ ein ungewöhnliches literarisches Triptychon vor.
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Man muss kein Boots- oder Segelliebhaber sein, um dieses Buch zu mögen – aber es erleichtert das Verständnis des Romans dann doch. Viel ist die Rede von Takelagen, Steckschotts und Relingstützen, man ersetzt die Stopfbuchse um die Schraubenwelle, Relingstützfüße sind wackelig, der Spinnacker ist schon mal gerissen und tropfnass sitzt die Protagonistin in der Plicht.

Wir lesen die Geschichte von Maud, die mit Tim liiert ist, der eigentlich Henley heißt und ihr Herz gewinnt. Sie lernen sich als Mitglieder im Segelclub der südenglischen Universität Bristol kennen und lieben. Maud nimmt ihren neuen Lebensgefährten mit zu ihrer Familie und stellt ihn den Eltern, Geschwistern und Freunden vor.

Die beiden teilen ihre Begeisterung für das Segeln, haben aber sonst nicht allzu viel gemein. Tim, ein halbwegs erfolgreicher Musiker, entstammt einer wohlhabenden Familie und gleitet entspannt durchs Leben. Maud hingegen, die aus einfachen Verhältnissen kommt, studierte und in einem pharmazeutischen Labor arbeitet, prägen ihre Schüchternheit und ihre doch sehr introvertierte Wesensart.

Dann kaufen sie ein günstiges, weil renovierungsbedürftiges Boot, die Lodestar, zweiunddreißig Fuß lang, in welches sie ihr Erspartes und geborgtes Geld investieren. Detailliert erfahren wir, welch umfangreiche Ernerungsarbeiten Tim und Maud vornehmen und welchen Zeitaufwand sie dafür akzeptieren. Maud wird schwanger, und die kleine Zoe macht aus dem Paar eine Familie. Doch es kriselt in der Ehe, und Tim flüchtet sich in eine Affäre.

Ein Schicksalsschlag verändert alles

Gleichwohl scheint alles seinen halbwegs geordneten Weg zu gehen – bis es zu einem dramatischen Ereignis kommt und ein Schicksalsschlag alles verändert. Der zweite Teil des Buches beschreibt Mauds Alltag, nun ganz allein und ohne Halt. Sie wird, von ihrer Firma in einen halbjährigen Urlaub geschickt, die Lodestar nehmen, den Rest ihres bisherigen Lebens abstreifen und irgendwo ganz neu anfangen. Sauve qui peut, so lautet ein Tattoo auf ihrem Arm: Rette sich, wer kann.

„Das Boot segelt auf raumachterlichem Kurs, laut GPS-Anzeige mit sechs, manchmal sieben Knoten. Im Dunkeln überquert sie den vierzigsten Längengrad, eine Linie, die sie, wenn sie ihr nordwärts folgte, zur Küste von Grönland bringen würde. Würde sie ihr südwärts folgen, käme sie ein paar hundert Kilometer von der Mündung des Amazonas entfernt heraus. ... Das Klopfen und Drücken des Wassers, das Rauschen der Segel, die unaufhörlichen kleinen Korrekturen des Bootes, ihre eigenen Bewegungen, ihr eigener Atem, ihre eigenen Gedanken, die Stimme dieser Gedanken.“

Die ausgedehnte Schilderung von Mauds Segelreise, ohne Gefährten und mit nur bescheidener maritimer Erfahrung quer über den Atlantik, dieser lange Kampf mit der Naturgewalt mündet in den dritten Teil der im Präsens verfassten Geschichte: Beinahe schiffbrüchig, landet die Frau auf einer einsamen Insel. Aus dem Familien- und Abenteuerroman wird eine nachgerade surrealistische Geschichte.

Wie kann man mit einer eher phlegmatischen Protagonistin den Spannungsbogen eines Romans von 368 Seiten aufbauen und halten? Dieser dreistufigen Geschichte über Verlust, das Gefühl der Sinnlosigkeit und den Neubeginn gelingt das halbwegs. Das Romanende wird manchen Leser verwirren, und Maud bleibt bis zuletzt eine verschlossene, rätselhafte und distanziert wirkende Person, die dem Leser nicht wirklich sympathisch ist.

Andrew Miller: Nachts ist das Meer nur ein Geräusch. [The Crossing] Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. 368 Seiten. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2017. 24,00 Euro.

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