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Literatur – 20. März 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Justin kommt nach Hause

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Bret Anthony Johnston: Justins Heimkehr. (Bild: Verlag)

Ein amerikanischer Junge wird entführt und taucht nach Jahren unvermittelt wieder auf. „Justins Heimkehr“ versetzt die Familie, wie Bret Anthony Johnston in seinem Roman erzählt, ein weiteres Mal in eine völlig neue Situation.
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Elf Jahre alt ist Justin, als er verschwindet. Er ist ein ganz normaler Bub aus einem kleinen Küstenort in Texas. „Der Himmel hing tief“, lesen wir über das Städtchen, „bleich wie Salz, kleine Wellen schwappten ans Ufer und trugen den brackigen Geruch von Seetang heran. Die Menschen am Strand harrten aus, hofften auf eine frische Brise vom Golf von Mexiko, doch die heftigen Böen waren feuchtwarm und wirbelten Sand auf, der auf der Haut brannte wie Wespenstiche.“

Eric und Laura Campbell vermissen ihren Sohn, der zum Skaten wegging, nachdem er sich mit seinem jüngeren Bruder Griffin gestritten hatte. Sein Skateboard tauchte später auf, der Junge hingegen nicht. Alles hat sich verändert. Die Eltern versuchen, Justin mit Handzetteln vor dem Vergessen zu bewahren und Hinweise auf seinen Verbleib zu erhalten. Doch sie erhalten nur noch wenige und meist unglaubwürdige bis skurrile Mitteilungen, wo ihr Sohn sein könnte.

Der Autor lässt uns teilhaben an dem Schaden, den das Leben der Familie Campbell durch Justins Verschwinden nimmt. Vier Jahre vergehen, und Tag für Tag schmerzt die Ungewissheit über das Schicksal des Kindes. Die Ehe ist in Routine erstarrt, und während sich Laura ehrenamtlich in einem Hilfsprojekt für Delphine engagiert, flüchtet sich Eric in eine sexuelle Affäre, „in trostlose und schweißtreibende Nachmittage mit Tracy“.

Als Eric und Laura einmal mehr nach Corpus Christi gerufen werden, müssen sie zu ihrer Überraschung nicht einen weiteren aufgegriffenen Jungen oder erneut eine Leiche identifizieren, ob es sich um ihren Sohn handelt. Nein, nach wenigen Kapiteln tritt ihnen Justin, nun ein in die Höhe geschossener Fünfzehnjähriger, quicklebendig entgegen.

Es war kein Mord und auch kein Unfall, sondern eine Entführung. Ganz in der Nähe hielt ein Mann den Jungen vier Jahre lang gefangen, und der Bub, eingeschüchtert durch Drohungen des Täters, ließ Möglichkeiten ungenutzt, seinem Peiniger zu entkommen. Natascha Kampusch und andere Fälle dieser Art kommen einem in den Sinn. Und das hinreichend bekannte Stockholm-Syndrom.


Der lange Prozess der Wiederannäherung

Laura ist überwältigt von Justins Rückkehr: „Sie musste ihn einfach zärtlich berühren. Sie strich ihm das Haar aus den Augen, legte eine Handfläche an seinen Nacken, fuhr mit ihren Knöcheln über seine Wangen, berührte seine Fingerspitzen mit ihren, verschränkte ihre Finger mit seinen. … Sie wollte so vieles sagen, hatte so viele Fragen, die ihr auf der Zunge lagen, doch sie wollte Justins Seelenfrieden nicht stören. Wollte ihn nicht bedrängen.“ Was geschah mit dem Sohn in den Jahren seiner Abwesenheit – in dieser Lebensphase, in welcher er zum jungen Mann reifte? Was wurde ihm angetan?

Bret Anthony Johnston widmet drei Viertel seines Romandebüts der Wiederannäherung der Eltern bzw. des jüngeren Bruders an den Heimkehrer. Es ist ein langer Prozess, in dessen Verlauf sich die Eltern um die Wiedergewinnung von Normalität bemühen. Allzu gerne möchten sie Details über die vier Jahre ihres Sohnes in der Gewalt seines Peinigers erhalten, doch vermeiden sie entsprechende Fragen, um ihm nicht zusätzlichen seelischen Schmerz zu bereiten. Gab es sexuellen Missbrauch? Und warum hat Justin seit seiner Rückkehr eine leichte Gehbehinderung?

Der Autor dieser Geschichte macht uns nicht zu Voyeuren. Wohlgemerkt: Einen actionreichen Thriller der Spannungsliteratur legt Johnston nicht vor, denn die meisten Details von Justins Leidenszeit bleiben der Familie ebenso verborgen wie dem Leser. Über lange Seiten des Buches breitet sich bei den Campbells ein verkrampftes Drumherumreden aus. Viele Dinge bleiben unausgesprochen; das Zusammenleben muss neu erlernt werden. Doch wir verstehen die Eltern in ihrem etwas hilflosen Bemühen, Justin ein normales Leben als Teenager zu ermöglichen. Griffin ist derweil vollkommen mit seiner ersten Verliebtheit beschäftigt und entwickelt zugleich ein zuvor nicht gekanntes Vertrauensverhältnis zum älteren Bruder.

Wir können auch Eric verstehen, Justins Vater, der das Haus des Täters beobachtet, um mehr über diesen Mann zu erfahren, der den Jungen als seinen Neffen und den Sohn von verstorbenen Verwandten ausgegeben hatte. Der Täter bleibt schemenhaft in dieser Geschichte. Als er auf Kaution freikommt, fasst Eric einen Entschluss. Er will das so unerwartet wiedergewonnene Familienglück nicht noch einmal aufs Spiel setzen.

Bret Anthony Johnston: Justins Heimkehr. [Remember Me Like This] Roman. Aus dem Englischen von Sylvia Spatz. 420 Seiten. Verlag C.H.Beck, München 2016. 21,95 Euro.


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