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Literatur – 09. April 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

In der „Bibliothek schutzbedürftiger Manuskripte“

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David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick. (Bild: Verlag)

In einem abgelegenen französischen Städtchen entdeckt man einen unveröffentlichten Text, der zu einer literarischen Sensation wird. Nur: Wer schrieb diesen Roman?
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Henri Pick war zu Lebzeiten der eher mürrische und wenig kommunikative Pizzabäcker im Städtchen Crozon in der Bretagne. Doch gerade dort, im Departement Finistère, buchstäblich am Ende der Welt, führte der Herr offenbar eine besondere Form von Doppelleben. Schriftstellerische Ambitionen, so versichert seine Witwe, konnte sie bei ihrem Henri nicht erkennen. Warum aber taucht dann ein Buchmanuskript aus Monsieur Picks Feder auf, das, einmal veröffentlicht, großen Erfolg hat und es an die Spitze der Bestsellerlisten schafft?

Mit der bekannten luftigen Leichtigkeit französischer Texte, einem Schuss Poesie und erfrischender sprachlicher Spielerei gelang dem Roman- und Drehbuchautor David Foenkinos in „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ eine ansprechende, lesenswerte Geschichte über die Liebe unter Menschen und die Liebe von Menschen zu Büchern. Man kann ruhig noch ein wenig warten mit der Lektüre – und diesen Roman mit in die Sommerferien nehmen.

Jean-Pierre Gourvec, im Städtchen als ein etwas verschrobener Einzelgänger bekannt, sammelt, so lesen wir, in einer Ecke der von ihm verwalteten Gemeindebücherei „schutzbedürftige Manuskripte“. Gemeinsam mit seiner Assistentin Magali lädt er erfolglose Autoren per Zeitungsannonce ein, ihre von Verlagen abgelehnten Manuskripte nach Crozon zu bringen. Mit der Zeit sammeln sich auf dieser „literarischen Müllkippe“ Hunderte von Texten an, die Magali nach Gourvecs Tod allein verwaltet.

Dann kommt die in Paris lebende Verlagslektorin Delphine Despero in ihren Heimatort Crozon, um ihre Eltern zu besuchen – und entdeckt unter den „schutzbedürftigen Manuskripten“ ein Juwel. „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ heißt der Roman, und als Autor zeichnet eben jener Henri Pick.

Doch seine Witwe Madeleine weiß weder von einer Art schriftstellerischen Wirkens des zwei Jahre zuvor verstorbenen Gatten, noch kann sie ihm großes literarisches Interesse zuordnen; außer Fernsehzeitschriften habe ihr seliger, eher wortkarger Henri nichts gelesen. Seine Kreativität entfaltete er demnach vorzugsweise, wenn nicht ausschließlich, im gastronomischen Bereich, etwa bei der Schaffung einer Pizza Stalin oder einer Pizza Brigitte Bardot.

Ein literarisches Genie, das im Verborgenen wirkte?

Ist dieser Henri Pick tatsächlich der geheime Autor des gelungenen Romans? Und falls ja, wann und wo fand er Gelegenheit, das Manuskript zu schreiben? Warum spielt Alexander Puschkin in der Geschichte eine zentrale Rolle? Weshalb wurde dieses Buch von Verlagen abgelehnt? Oder sandte Pick es gar nicht ein, sondern brachte es direkt in die Bibliothek abgelehnter Manuskripte?

Fragen über Fragen. „Delphine beschloss, einige Argumente zusammenzustellen, warum ein abgelehntes Manuskript keinesfalls schlecht sein muss“, erfahren wir. „,Unterwegs zu Swann’ von Marcel Proust gehört sicherlich zu den berühmtesten abgelehnten Texten. … Sie erklärte, dass es etwas Schönes sei, wenn jemand keine Veröffentlichung anstrebe, sondern die Anerkennung der anderen gar nicht nötig habe. ,Das Genie wirkt im Verborgenen, so muss man das verkaufen’, fügte sie an.“

Der Roman wird ein gigantischer Erfolg, ein Bestseller, eine literarische Sensation. Die Medien befassen sich mit dem Buch – und mehr noch mit der Frage, wer Henri Pick war und ob „Die letzten Stunden einer großen Liebe“, dieser lange vergessene Text, tatsächlich von ihm stammt. Über Madeleine und ihre Tochter Joséphine bricht ein Sturm medialen und öffentliches Interesses los, den sie anfangs genießen und schon bald nicht mehr mögen.

Pick wird mit bedeutenden Literaten wie J.D. Salinger verglichen, die zurückgezogen lebten und im stillen Kämmerlein Großes schufen. Die Faszination des vollkommen unbekannten Autors, des mysteriösen Superstars, nährt das Interesse an dem Roman zusätzlich; Menschen machen sich auf in die Bretagne, pilgern nach Crozon und besuchen Henri Picks Grab. Das Leben etlicher Menschen wird durch dieses Buch verändert.

Dann ist da Jean-Michel Rouche, ein einst gefeierter und nun frustrierter, da praktisch arbeitsloser Literaturkritiker, der sich vornimmt, das Geheimnis des Monsieur Pick zu erforschen und sich auf diese Weise wieder einen Namen zu machen. So wird Foenkinos Roman auch zu einer Satire auf den französischen Literaturbetrieb und das Verlagswesen. Der Autor nimmt seine Leser mit auf eine Spurensuche. Wohin sie führt, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

David Foenkinos: Das geheime Leben des Monsieur Pick. [Le mystère Henri Pick] Roman. Aus dem Französischen von Christian Kolb. 336 Seiten. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017. 19,99 Euro.


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