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Literatur – 28. Juli 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Hausherr im Schloss Bellevue

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Verhalten kritische Biografie: Torben Lütjen und Lars Geiges: Frank-Walter Steinmeier. (Bild: Verlag)

Er ist der Zwölfte in einer Reihe nicht immer erfolgreicher Amtsträger, und allzu viel weiß man nicht über seine Person: Torben Lütjen und Lars Geiges porträtieren den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.
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Das seit März 2017 amtierende Staatsoberhaupt wuchs in der tiefen Provinz auf, im Dorf Brakelsiek in Ostwestfalen. Als Sohn eines Tischlers wurde er 1956 in diesem protestantischen Flecken geboren. Das familiäre und soziale Umfeld war bodenständig und einfach: Der Junge spielte Fußball beim TuS 08 Brakelsiek und schlug, soweit sich das nachrecherchieren lässt, als Heranwachsender nie über die Stränge.

Ein geordnetes Leben war es offenbar, vielleicht auch ein bisschen langweilig. „Im Fragebogen des Magazins der Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, so lesen wir, „hat er auf die Frage nach seiner größten Schwäche jedenfalls nicht die Ungeduld genannt, jene in Wahrheit natürlich völlig lässliche Tugend eitler Politiker, die sich damit dynamisch und tatkräftig zeigen wollen. Steinmeier war immer geduldig. An Zäunen hat er nie gerüttelt. Er klingelte an der Tür und stellte sich höflich vor; und manchmal brauchte er auf der Türschwelle auch einen kleinen Schubser.“

1975 trat Steinmeier in die SPD ein. Wir erfahren, dass er im Alter von 24 Jahren, während des Jurastudiums in Gießen, zu erblinden drohte und seitdem die Netzhaut eines verstorbenen Spenders trägt. Er erholte sich, trägt aber seitdem die weißen Haare, welche ein wenig sein Markenzeichen wurden. 2010 sollte der „Silberschopf“ in einer vergleichbaren Weise handeln und seiner schwer erkrankten Ehefrau eine Niere spenden.

Wie die berühmte „graue Eminenz“ arbeitete Steinmeier über Jahre hinweg als effizienter Mann im Hintergrund für Gerhard Schröder. Der spätere SPD-Kanzler, der nur 15 Kilometer von Brakelsiek entfernt aufwuchs, holte den nunmehr promovierten Juristen 1991 ins niedersächsische Staatsministerium. Als es in die Berliner Bundespolitik ging, musste Steinmeier eine Zurücksetzung hinnehmen, entschied sich der Regierungschef doch für Bodo Hombach als Chef des Bundeskanzleramts.

Schröder und Hombach präsentierten sich als kumpelhaftes Erfolgsduo. „Nach außen hin“, so lesen wir, „versteht Steinmeier es, die Situation mit Fassung zu tragen. Ihm ist kein böses Wort zu entlocken. Nur manchmal, so beobachten es einige Journalisten, steigt ihm eine verräterische Blässe ins Gesicht, Ausweis unterdrückter Aggressionen.“ Schon bald war der umstrittene Hombach nicht mehr zu halten. Ein neuer Kanzleramtsminister musste her, und nun kam Steinmeiers Stunde. Ab 1999 entwickelte er sich in diesem Amt zum fähigen Organisator und Verwaltungschef.


Eine Vita, geradlinig, frei von Skandalen – und ein bisschen langweilig

Wie wäre Steinmeiers Leben verlaufen, hätte er 1991 das ihm ebenfalls vorliegende Angebot angenommen, als Mitarbeiter von Johannes Rau in der Staatskanzlei in Düsseldorf zu arbeiten? Stattdessen wurde er „Schröders Mann“. Pragmatismus dominierte, für Träume und Illusionen blieb wenig Raum: „Steinmeier ist ein ganz und gar illusionsloser Realist, der um die letztendliche Begrenztheit staatlichen Handelns weiß. ... Wahlweise tituliert man ihn als ,Seine Effizienz‘, ,Dr. Makellos‘ oder ,Mr. Perfect‘.“

Der Neue komme „für alles infrage“, sollte der Kanzler schon bald über seinen Adlatus urteilen. Steinmeier nahm maßgeblichen Einfluss auf die Ausarbeitung der „Agenda 2010“, was ihm viele gestandene und altgediente Sozialdemokraten nie vergessen haben. Dieses umstrittene Paket von Sozial- und Arbeitsmarktreformen jagt bei manch einem bis heute den Blutdruck in die Höhe; es wurde und wird als unsozial empfunden und veranlasste verbitterte Genossen, der SPD nach Jahrzehnten für immer den Rücken zu kehren.

Später mutierte der politische Spitzenbeamte zum Politiker. Er war nicht länger der Macher im Hintergrund, sondern „sprang vom Maschinenraum auf das Sonnendeck der Politik“. Ab jetzt stand er im Fokus, und die von ihm geschätzte begrenzte öffentliche Wahrnehmung seiner Person ging zu Ende. Es waren Steinmeiers Perioden als Bundesaußenminister (2005 bis 2009 und 2013 bis 2017), die ihn als erfolgreichen und weithin respektierten Chef der deutschen Diplomatie zeigten; die krachend gescheiterte Kanzlerkandidatur des populären Sozialdemokraten 2009 und seine Niederlage gegen Angela Merkel; und, in den darauf sich anschließenden vier Jahren, der Vorsitz der SPD-Bundestagsfraktion.

Als Joachim Gauck 2016 mitteilte, er verzichte auf eine zweite Amtszeit als Bundespräsident, fiel recht bald Steinmeiers Namen, wenn es um die Gruppe potenzieller Nachfolger ging. Es gab ein wenig Hin und Her und ein Zögern bei Angela Merkel, doch dann einigten sich die Partner der Berliner Regierungskoalition auf den Außenminister, den die Bundesversammlung im Februar 2017 mit großer Mehrheit wählte und der im Folgemonat sein neues Amt antrat.

Steinmeiers Leben wirkt schnörkellos, geradlinig und frei von Extravaganzen und juvenil-rebellischen Phasen, wie man sie von dem in sehr einfachen Verhältnissen aufgewachsenen Gerhard Schröder kennt. Das dürfte zu Steinmeiers Glaubwürdigkeit beitragen. Den Autoren, beide promovierte Politologen, gelang ein gut lesbares Lebensbild des neuen Hausherrn im Schloss Bellevue mit einem bestenfalls verhalten kritischen Ansatz.

War er tatsächlich als Chef des Bundeskanzleramts ein strenger Kontrollfreak, der eifersüchtig auf seine Position achtete, seine Macht genoss und sogar einigermaßen despotisch handelte? Es scheint, als ruhe in dem oft als farblosen, beinahe langweiligen Technokraten betrachteten Politiker doch ein erhebliches Maß an Willen zur Karriere und zur Machtentfaltung. So richtig offenbar wird dem Leser die Persönlichkeitsstruktur des Biografierten indes nicht. Wofür steht dieser Mann, wie kann er sein Amt prägen? Die Zeit wird zeigen, ob es Steinmeier gelingt, sich als Staatsoberhaupt klar zu profilieren und unser gespaltenes Land in schwieriger Zeit zu einen.

Torben Lütjen/Lars Geiges: Frank-Walter Steinmeier. Die Biografie. 256 Seiten. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2017. 22,00 Euro.


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