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Literatur – 18. August 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Es werde Licht ...

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Anthony McCarten: Licht. (Bild: Verlag)

Einen wirtschaftshistorischen Roman mit dem Titel „Licht“ legt Anthony McCarten vor: Thomas Alva Edison erfindet die Glühbirne, und der Bankier J.P. Morgan möchte aus dieser bahnbrechenden Innovation das ökonomisch maximal Erreichbare herausholen.
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Sinnierend sitzt der große Naturwissenschaftler in der Silvesternacht 1899 in seinem Labor auf dem Hügel, macht einige Versuche und mag sich der Festgesellschaft im Haupthaus nicht anschließen. Auch wenn es eine Jahrhundertwende ist. Er befindet sich in akuter Geldnot, ist beinahe taub, erschöpft und zugleich begeistert von seiner Erfindung, der Glühbirne, die sich nun zu einem allgegenwärtigen Verbrauchsgegenstand entwickeln soll.

Es stören Edison die „Anforderungen der Familie“, diese ständigen Störungen, und er kommt zu dem Schluss, dass bedeutende Männer der Weltgeschichte – wohl aus gutem Grund, nämlich um ihre Ruhe zu haben – Junggesellen blieben. Auch ist ihm klar, dass viele Erfinder kaum großen finanziellen Nutzen aus ihrem Schaffen ziehen konnten. Das betont er auch, als ihn Whitcomb Judson besucht und das von ihm entwickelte Novum vorstellt, den Reißverschluss. Mit der Zerstörung der Welt verdiene man Geld, betont er, nicht mit ihrer Verbesserung.

Edisons Erfindung bleibt dem mächtigen, bereits zu Lebzeiten legendären Privatbankier John Pierpont Morgan nicht verborgen; er liest darüber in der Tagespresse. Der „Napoleon der Wall Street“, wie ihn eine Zeitung bezeichnet, gehört zu den reichsten Männern der Welt, und nur seine entstellende Knollennase trübt das umfassende Erfolgsbild. Eines Tages steht Morgan bei Edison im Labor, mit durchdringenden blauen Augen und edel gekleidet: „Eine Jacke mit Samtkragen, weiße Glacéhandschuhe, steifer Kragen, gestreifte Hose, Ascotkrawatte.“

Edisons Besitz in Menlo Park, New Jersey, steht wegen ausgebliebener Darlehensrückzahlungen vor der Zwangsversteigerung. Da kommt ihm der Großfinancier gerade recht. Wenngleich die Begegnung etwas grotesk abläuft, da Edison vermutet, er solle sein neu erfundenes elektrotherapeutisches Heilverfahren an Morgans Knollennase anwenden, und schon mal abschätzt, wo man die Klemmen am besten anbringt ... Und nicht alle der vielen Edisonschen Erfindungen, das Wassertelefon etwa, beeindrucken den Besucher.


Visionen ganz unterschiedlicher Art

Diese einfallsreiche Geschichte des neuseeländischen Autors Anthony McCarten beruht auf Tatsachen, denn tatsächlich wurde Morgan zu einem wichtigen Geldgeber für Edison. Er ergänzt historische Fakten um fiktive Dialoge und Szenen. Dass sich die Glühbirne heute auf dem Weg ins Technikmuseum befindet und ob ihrer schlechten Energiebilanz als völlig veraltet gilt, tut der Sache keinen Abbruch.

Nein, vor gut einhundert Jahren war die Glühbirne eine bahnbrechende Neuerung, und so schlägt Morgan Edison vor, deren Siegeszug in Europa zu finanzieren, um sich anschließend Amerika zuzuwenden. Der etwas weltfremde Erfinder ohne ökonomisches Händchen findet einen Geldgeber, der den Profit jedoch weitgehend für sich einstreicht. Es ist die Zeit des knallharten Kapitalismus, zumal in Amerika. Der Naturwissenschaftler und der Großbankier machen einen Deal.

Es ist auch ein Roman über Gier und Moral. „Sie sehen, ich habe auch meine Visionen“, erklärt Morgan. „Visionen einer besseren Welt. Einer Welt, die besser ist als die schwierige, anstrengende, die wir heute ertragen, dieses Elend tagein und tagaus.“ Seine Vorstellung einer humaneren Welt ist die Schaffung multinationaler Konzerne, „denn damit befreien wir die Menschheit und erfüllen die gebrochenen Versprechen unserer Gründerväter.“ Und wie ethisch ist eine von Edisons Erfindungen, der elektrische Stuhl?

Ein großer Teil der Geschichte ist als Rückblick geschrieben: Edison strandet 1929 auf einem amerikanischen Provinzbahnhof und schaut zurück auf sein Leben von 83 Jahren. Er ist ein berühmter Erfinder, eine lebende Legende gar, und erhielt hohe Ehrungen. Einem Impuls folgend, steigt der Alte aus, lässt den Zug ohne ihn weiterfahren (obwohl ihn der US-Präsident sowie Berühmtheiten wie Henry Ford und Albert Einstein erwarten) und kommt mit einem Farmersjungen ins Gespräch. Der Teenager möchte nach New York und an der Wall Street Millionen verdienen.

Edison warnt ihn davor, das Geld zum Fetisch und zum Maß aller Dinge zu erheben und eine Religion daraus zu machen: „Sonst siehst du Menschen aus Fleisch und Blut als etwas, das du ausbeuten kannst wie ein Ölfeld, fällen kannst wie einen Wald.“ Und er meckert altersmürrisch über die Journalisten: „Vielleicht solltest du bei der Zeitung arbeiten. Du hast das richtige Maß an Dummheit.“ Dann, nachdem man Edisons Fehlen entdeckte, kehrt der Sonderzug zurück, um den alten Mann doch noch an seinen Zielort zu bringen. Man klinkt sich eben nicht so einfach aus seinem Leben aus.

Anthony McCarten: Licht. [Brilliance] Roman. Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. 368 Seiten. Diogenes Verlag, Zürich 2017. 24,00 Euro.

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