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Literatur – 28. Dezember 2016 – Jürgen Hermann
KRITIK

Die „Génération Mitterrand“ und die Wendungen des Lebens

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François Roux: Die Summe unseres Glücks. (Bild: Verlag)

Der Sozialist François Mitterrand hat soeben über seinen Amtsinhaber Valéry Giscard d’Estaing triumphiert, ein historisches Ereignis der Fünften Republik. In seinem Roman „Die Summe unseres Glücks“ schildert François Roux die sehr wechselvolle Entwicklung von vier jungen Franzosen.
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Frankreich im Frühsommer 1981. Das Land ist politisch und gesellschaftlich tief gespalten. Der Wahlsieg des Sozialisten François Mitterrand über Amtsinhaber Valéry Giscard d’Estaing, ein historisches Ereignis der Fünften Republik, wird von den einen bejubelt und löst bei anderen Sorge und Beklemmung aus.

Der Ich-Erzähler Paul Savidan steht kurz vor seinem achtzehnten Geburtstag und blickt mit Befremden auf die Verwerfungen in seinem Land. Doch der pubertierende Knabe setzt andere Schwerpunkte: „Mehr als für alles andere interessierte ich mich für meine Sexualität. Ohne große Übertreibung darf ich behaupten, dass sie in diesen Jahren den Großteil meiner Energie auffraß.“ Männliche Körper sind Pauls Objekte der Begierde; über seine sexuelle Orientierung ist sich der Arztsohn seit langem im Klaren.

Rodolphe Lescuyer ist Pauls bester Freund und Mitglied in der Jugendorganisation der Sozialistischen Partei. Er ist ein ausgezeichneter Schüler und will in die Politik gehen. Zugleich ärgert er seinen Vater, einen eingefleischten Kommunisten und erbitterten Gegner der Sozialisten. Dann ist da Tanguy Caron. Er verlor früh seinen Vater und wächst mit der Mutter und den beiden Schwestern auf. Schon als Teenager übernimmt er Verantwortung in der Konservenfabrik, die nun von der Mutter mit viel Einsatz geführt wird.

Er zählt zu den Bewunderern des etwas schillernden, offen gewinnorientierten und erfolgreichen Topmanagers Bernard Tapie. „Meine Maßeinheit ist das Geld“, sagt Tapie, „und meine Geschäfte mache ich ganz klar in der Absicht, viel, viel, viel, viel Geld zu verdienen.“ Eine gewagte Aussage im damaligen Frankreich mit sozialistischer Regierung. Benoît Messager ist das vierte Mitglied der Clique; er fällt durch die Abiturprüfung und entscheidet sich, das Gymnasium ohne Reifeprüfung zu verlassen und es als Journalist zu versuchen.

Der französische Autor und Filmemacher François Roux reflektiert in seinem Roman „Die Summe unseres Glücks“ die Träume und Visionen der jungen „Génération Mitterrand“ sowie die damalige Aufbruchstimmung. Szenenartig schildert er den Werdegang seiner vier Protagonisten im zeitlichen Rahmen von 1981 bis 2012. Was wurde aus ihren Plänen und Lebensentwürfen? Die vier werden erotische Rituale der Mannwerdung erleben, Erfolge und Misserfolge verzeichnen und manche bittere Enttäuschung verkraften müssen. Gleichzeitig zeichnet Roux eine Gesellschaftsgeschichte Frankreichs der letzten Jahrzehnte.

Höhen und Tiefen, Erfolge und Enttäuschungen – vier Leben

Pauls Vater schickt seinen Sohn aus der bretonischen Heimat zum Medizinstudium nach Paris und möchte ihn zu seinem Praxisnachfolger aufbauen. Das ist nicht eben im Sinne des Filius, doch sieht Paul ganz unvermittelt eine prickelnde und spannende Zeit in der Hauptstadt zum Greifen nahe. Dort wohnt er bei Madame Ziegler zur Untermiete und lebt erstmals befreit seine schwule Sexualität aus, die der Autor recht umfangreich und detailliert beschreibt. Am Beruf des Schauspielers findet er mehr und mehr Gefallen; die Ausbildung zum Medicus gerät zur Nebensache.

Benoît wird Journalist und später ein berühmter Fotograf, der die Schönen und Reichen ablichtet und weltweit gefragt ist. Er verlangt und erhält sehr hohe Honorare, lebt im Luxus – und steht seinem Glück selbst im Weg. „Nie in seinem Leben hatte er etwas Besseres oder Größeres gewollt als das, was ihm fertig in den Schoß fiel, und so hatte er sich auch nie die Frage stellen müssen, was er eigentlich selbst wollte. … Es lag in seiner Natur, Benoît konnte sich nicht zufrieden geben.“

Rodolphe nimmt seinen politischen Aufstieg gezielt in Angriff und unterstützt Michel Rocard, Mitterrands innerparteilichen Rivalen. Als Politiker wird er Karriere machen – unterstützt von seinem einflussreichen Schwiegervater. Er avanciert zum sozialistischen Abgeordneten in der Assemblée Nationale, aber auch bei ihm macht die Persönlichkeitsstruktur die Dinge kompliziert: „In Rodolphe herrschten Paradoxe, Mehrdeutigkeiten, Widersprüche. Vor allem war er ein Mann des Zorns.“ Dass er nicht zur mächtigen Eliteuniversität ENA zugelassen wird, empfindet er als bleibende Demütigung. Zunehmend interessieren ihn ökologische Themen, wodurch er in Gegensatz zu seinem geldfixierten Schwiegervater gerät.

Tanguy geht auf eine renommierte Wirtschaftshochschule und erhält nach einer Reihe von Karrierestationen auf verschiedenen Kontinenten die Position eines Generaldirektors in der Kosmetikbranche. Was ist noch französisch an ihm, fragt er sich, wo er für ein multinationales Großunternehmen arbeitet und sowohl seine Frau als auch seine Kinder amerikanisch sind? Mit zunehmendem Missmut setzt er die Vorgaben der US-Konzernzentrale um und verschlankt seinen Zuständigkeitsbereich um langjährige Mitarbeiter. Mit außerehelichen Affären versucht er, seinen Frust abzubauen.

Am Ende ist nur Paul, ein mäßig gefragter Schauspieler und desillusioniert wie seine Freunde, einigermaßen zufrieden mit seinem Leben. Die anderen leiden unter brechenden Karrieren, den Höhen und Tiefen des Lebens, Trennungen, Enttäuschungen und Schicksalsschlägen. Nur allzu selten ist, wie man weiß, die Realität des Lebens deckungsgleich mit den Visionen, Vorstellungen und Träumen, welche Jugendliche und Heranwachsende entfalten.

„Ich wünschte, die Zeit hätte innegehalten, wäre für immer stehen geblieben in der Intensität dieses Augenblicks, die, das weiß ich heute besser denn je, so vergänglich war“, sinniert Paul. „Besteht das Glück eines Lebens in der brüchigen Ansammlung von Sekunden, die so wunderschön waren wie diese? Wir hatten uns so danach gesehnt, erwachsen zu werden und uns am Leben zu reiben, dass wir darüber die schönste Seite unseres Selbst vergessen hatten: unsere Unschuld.“

François Roux: Die Summe unseres Glücks. [Le Bonheur national brut] Roman. Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke. 640 Seiten. Piper Verlag, München und Berlin 2015. 24 Euro.


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