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Literatur – 25. September 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Die Ballade vom traurigen Café

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Carson McCullers: Die Ballade vom traurigen Café. (Bild: Verlag)

Es ist zu erinnern an den fünfzigsten Todestag einer amerikanischen Autorin, deren Geburtstag sich vor einigen Monaten zum einhundertsten Mal jährte. Fünf Dekaden nur umspannte das Leben von Carson McCullers.
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Als die Schriftstellerin 1967 nach mehreren Schlaganfällen starb, hinterließ sie ein recht umfassendes und weithin gerühmtes literarisches Werk. Die Protagonisten in ihren Geschichten sind meist Außenseiter. In der „Ballade vom traurigen Café“, einer 1943 erstmals erschienenen und 1991 verfilmten Novelle, beschreibt sie mit athmosphärischer Dichte das Zerbrechen einer Frau an zwei Männern, an Marvin und Lymon, und auch das Alltagsleben in ihrer Heimat, im Georgia von einst. Ein Hauch von Nostalgie und Schwermut durchzieht die Erzählung.

Carson McCullers führt uns in ein reichlich trostloses Städtchen. Der Anbau und die Verarbeitung von Baumwolle prägen den Alltag. „Wenn man an einem Augustnachmittag die Hauptstraße entlangspaziert, kann man wirklich rein gar nichts unternehmen“, erfahren wir. Das größte, nun mit Brettern vernagelte und ein wenig unheimlich wirkende Haus des Ortes beherbergte einst ein Café, das Amelia Evans betrieb. Sie führte anfangs nur einen Kaufladen, in dem all die Dinge im Angebot waren, die man in einer solchen Kleinstadt benötigt.

Miss Amelia war eine einzelgängerische, muskulöse, maskulin wirkende und auch recht zänkische Frau, welche nach langem Zögern eine Ehe mit dem Nichtsnutz Marvin einging – die dann nur zehn Tage lang hielt: „Sie behandelte ihren Mann genauso wie einen Kunden, der in den Laden kommt, um sich von ihrem selbstgebrannten Whisky zu kaufen.“ Was immer ihr nicht passte im Ort, das brachte sie zur Strafanzeige, auf die nicht selten ein langes Gerichtsverfahren folgte.

Dem holden Gatten, der ihr seinen gesamten irdischen Besitz überschrieb, machte sie es in der kurzen Ehespanne nicht leicht: Seine Geschenke stellte sie unverzüglich zum Verkauf auf die Ladentheke, und körperliche Annäherungen beantwortete sie mit Abweisung und kräftigen Faustschlägen, durch welche Marvin einen Teil seines Gebisses einbüßte. In tiefer Enttäuschung verschwand dieser schon bald nach der Vermählung und avancierte zum gesuchten Verbrecher.

Als Miss Amelia dreißig Jahre alt wurde, änderten sich die Dinge: „Es war gegen Mitternacht an einem milden Aprilabend. Der Himmel hatte Farben wie die blauen Sumpfschwertlilien, und der Mond schien klar und hell. ... Es war so recht ein Abend, an dem es einem wohltut, über die dunklen Felder hinweg in weiter Ferne das stille Lied eines Negers zu hören, der auf dem Weg zu einem Mädchen ist, ein Abend, an dem man gern einfach so dasitzt und auf der Gitarre zupft oder einfach allein bleibt und an nichts denkt.“

Jeder Protagonist der Handlung ist auf seine Weise verkrüppelt

Was dann die Straße entlangkam, war entgegen ersten Vermutungen nicht ein Kalb oder ein Kind, sondern der kleinwüchsige, bucklige Lymon Willis. Der Fremde mit der Physiognomie des Quasimodo sprach davon, er sei mit Miss Amelia verwandt; sie seien Cousin und Cousine. Gegen die Erwartung der Umstehenden nahm die Frau den Fremden in ihr Haus auf, obwohl es sich nach allgemeiner Überzeugung um einen Schwindler handelte.

Somit hatte das Städtchen genug Stoff für den Alltagsklatsch. Doch was nun? Schon nach zwei Tagen zeigte sich Lymon überaus kontaktfreudig und „makellos sauber. Er trug noch seine lange Jacke, doch sie war gebürstet und ordentlich geflickt. Darunter sah ein frisches, rotschwarz kariertes Hemd hervor, das Miss Amelia gehörte. Er trug auch keine Hose, wie sie die Männer im allgemeinen tragen, sondern knapp sitzende Breeches.

Seine dürren Beine steckten in schwarzen Kniestrümpfen; die Schuhe waren von besonders eigentümlicher Form, bis über die Knöchel hinauf zugeschnürt und frisch geputzt und gewichst. Um den Hals hatte er einen Schal gelegt, und zwar so, das seine großen, blassen Ohren beinahe völlig darin verschwanden – einen Schal aus lindgrüner Wolle, dessen Fransen fast den Boden berührten.“

Aus dem Dorfladen wurde nach und nach auch ein Café, ein kleines Restaurant gar, und Miss Amelia zeigte sich nicht länger nur mürrisch, sondern bis zu einem gewissen Grad freundlich. Lymon blieb bei ihr im Haus, ihre emotionale Verkrüppelung schwand dahin. Nach einigen Jahren tuschelte man im Ort über mehr als nur ein Zusammensein, über ein Leben der beiden in Sünde, über fleischliches Vergnügen.

Miss Amelias Café wurde populär, besonders „bei den Junggesellen, Pechvögeln und Schwindsüchtigen“; schon bald war es aus dem Städtchen nicht mehr wegzudenken. Doch dann, eines Tages, tauchte unvermittelt Marvin wieder auf, der seine Haftstrafe abgesessen hatte und zurück in Freiheit war. Der bucklige Lymon entwickelte eine besondere Affinität zu dem Mann. Zwangsläufig muss diese von reichlich skurrilen Protagonisten getragene Dreiecksgeschichte tragisch enden.

Carson McCullers: Die Ballade vom traurigen Café. [The Ballad of the Sad Café] Roman. Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Schnack. Taschenbuch Deluxe im Diogenes Verlag, Zürich 2016. 12,00 Euro.

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