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Literatur – 22. Januar 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Der Weinliebhaber im Mutterbauch

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Ian McEwan: Nussschale. (Bild: Verlag)

Aus der Perspektive eines ungeborenen Kindes erzählt der britische Autor Ian McEwan seinen jüngsten Roman, eine Kriminalgeschichte.
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„So, hier bin ich, kopfüber in einer Frau. Ich warte, die Arme geduldig gekreuzt, warte und frage mich, in wem ich bin und worauf ich mich eingelassen habe.“ Mit diesen kuriosen Sätzen beginnt das neue Buch von McEwan, der zuletzt seinen Roman Kindeswohl vorlegte. „Sehnsüchtig schließe ich die Augen, denke ich daran zurück, wie ich einst im durchsichtigen Fruchtsack trieb, verträumt in der Blase meiner Gedanken schwebte, in Zeitlupe Purzelbäume durch meinen privaten Ozean schlug, … und zittere bei dem Gedanken an das, was mich erwartet.“

Das ungeborene Kind erkennt durchaus, dass es Glück hat, in Europa geboren zu werden und nicht etwa in Nordkorea. Freilich, statt Großbritannien hätte es auch das wohlhabende Norwegen sein können – seine erste Wahl – oder, der lukullischen Köstlichkeiten wegen, Italien oder Frankreich. In Nordkorea, so sinniert es, würden Freiheit und Essen doch sehr zu wünschen übriglassen.

„In so mancher langen, ruhigen Nacht“, so lesen wir weiter, „habe ich meiner Mutter einen heftigen Tritt verpasst. Sie wurde wach, konnte nicht wieder einschlafen und tastete nach dem Radio. Grausam, ich weiß, aber am Morgen waren wir beide besser informiert.“ Und bisweilen teilt sich der Erzähler ein Glas Wein mit der Mutter, „einen durch die Plazenta dekantierten Burgunder oder einen Sancerre.“

Wir erfahren, dass Trudy, die Mutter, mit John liiert ist, dem Kindsvater, einem wenig erfolgreichen Dichter und Verleger, dass sie aber auch ein Verhältnis mit einem gewissen Claude hat. Dieser Claude, so stellt sich heraus, ist ihr Schwager. Vor John verbirgt sie erfolgreich ihr Doppelleben. Allmählich erkennt der schlaue Fötus, dass Trudy und Claude einen Mord aus Habgier planen – die Tötung von John. Mit einer Giftmischung soll sein Papa ins Jenseits befördert werden und alles nach einem Suizid aussehen. Das will der kleine Kerl dann doch verhindern.

Die Geschichte ist geistreich, hat Witz und ist zu weiten Teilen der Monolog des noch nicht geborenen Kindes. Die Krimihandlung ist eher konventionell, altbekannt und ohne rechte Spannungselemente. Aber der Fötus entpuppt sich als leidenschaftlicher Weinliebhaber und bekennt sich zu einem pränatalen Alkoholproblem. Wann hatte man je einen Roman mit dieser Erzählperspektive, mit einem Ungeborenen als Protagonisten, das sich geistreich äußert, beinahe altklug philosophiert, genau beobachtet und edle Weine aus der Nabelschnur nuckelt?

Man darf hier gewiss keine allzu strengen Maßstäbe ansetzen und erkennt fraglos ein starkes satirisches Element in dieser Geschichte, die auch eine Adaption von Shakespeares Hamlet ist. Nachgerade grotesk mutet es an, wenn der Fötus eloquent, kenntnisreich und so klug wie ein Akademiker sinniert. Und wie kann ein Ungeborenes den Jahrgang und die Lage des konsumierten Weines ernuckeln, wie kann es bei diesem Konsum von Alkohol geistreich und schlau sein und nicht pränatal schwerst geschädigt?

Der kleine Kerl, soviel sei gesagt, kann Johns Tod nicht verhindern. Aber er setzt ein schlaues Mittel ein, um den Mord zu rächen, jetzt, wo die Polizei, die den Fall bereits als Selbsttötung zu den Akten legen will, ihre Ermittlungen wieder aufnimmt. „Claude steht zu seinem Verbrechen. Er ist ein Renaissance-Mensch, ein Machiavelli, ein Bösewicht alter Schule, der glaubt, er könne mit Mord ungeschoren davonkommen.“ Mit der fötalen Raffinesse im Bauch seiner Geliebten rechnete er nicht.

Ian McEwan: Nussschale. [Nutshell] Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. 288 Seiten. Diogenes Verlag, Zürich 2016. 22 Euro.

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