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Literatur – 20. Februar 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Der schillernde Diktator

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Jože Pirjevec: Tito. (Bild: Verlag)

Er war ein einflussreicher Politiker, aber auch ein Bonvivant und ein „Mensch von großen Leidenschaften“: Jože Pirjevec erinnert in seiner umfassenden Biografie an den jugoslawischen Staatschef Tito.
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Warum geriet der Partisanenführer und spätere Langzeitherrscher, der Stalin die Stirn bot und zu den Gründern der Bewegung der Blockfreien Staaten zählte, der die Frauen liebte und sich mit den Schönen und Reichen aus dem internationalen Jet-Set umgab, warum nur geriet Marschall Josip Broz Tito (1892 - 1980) so in Vergessenheit?

Er war ein allseits gesuchter Gesprächspartner und einer der Mächtigen nicht nur in Südosteuropa, sondern auch unter den Staatsführern, die in den Jahrzehnten des Kalten Krieges erfolgreich lavierten, um ihren eigenen politischen Kurs zu verfolgen. In Jugoslawien entstand unter Titos Führung ein alternatives sozialistisches Modell, das ökonomisch einen neuen Weg suchte und die Vorherrschaft Moskau in der kommunistischen Welt ablehnte. Der Titoismus war geboren.

Der Marschall steht aber auch für einen brutalen Polizeistaat, in dem man Tito im Rahmen eines umfassenden Personenkults verehrte, ihn, wie der Autor schreibt, „auf den Altar stellte“ und seine politischen Gegner streng verfolgte. Er liebte prätentiöse Auftritte in weißen Uniformen und monarchisches Gepränge. Und nicht zuletzt steht sein Name für den – wiewohl auf Gewalt beruhenden – Zusammenhalt des Vielvölkerstaates Jugoslawien. Noch zu Titos Lebzeiten wurden Nachrufe auf dieses komplizierte Konstrukt geschrieben, wurde dessen Überleben als äußerst fraglich gesehen. So sollte es kommen: Jugoslawiens Zerfall begann mit Titos Tod.

Der slowenische Historiker Jože Pirjevec legt als Ergebnis einer drei Jahrzehnte dauernden Arbeit ein umfassendes Lebensbild des Marschalls vor, das dankenswerterweise einen deutschen Verlag fand. Denn die europäische Nachkriegsgeschichte kann ohne Tito nicht vollständig sein. So lesen wir, wie sich der junge Josip Broz – geboren im späten 19. Jahrhundert im damals habsburgischen Kroatien – nach dem Ersten Weltkrieg im neu entstandenen Königreich Jugoslawien als Gewerkschafter und Kommunist engagierte.

Wegen seiner illegalen politischen Aktivitäten geriet Broz mit der Staatsmacht aneinander, wurde mehrfach inhaftiert und stieg doch immer höher in der durch Fraktionskämpfe zerrissenen Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ). Er überlebte in Moskau die blutigen Säuberungen des Stalinismus und wurde als treuer Gefolgsmann des sowjetischen Despoten 1937 an die Spitze der KPJ berufen. Dort hielt er sich trotz ständiger interner Querelen.

Vom treuen Anhänger zum entschiedenen Gegner Stalins

Broz’ endgültiger Aufstieg, die Festigung seiner Machtstellung, vollzog sich im Zweiten Weltkrieg, als er die Partisanen anführte, die sowohl gegen die Deutschen und die Italiener kämpften als auch gegen die mit ihnen verbündete Ustascha unter Ante Pavelic, die schwerste Kriegsverbrechen beging, und schließlich gegen die von Draža Mihailovic geführten Monarchisten. In dieser Zeit im Untergrund nahm er den Kampfnamen an, unter dem er berühmt wurde: Tito. Er hatte, so Zeitzeugen, Phasen der Depression, um dann wieder der zuversichtliche und angriffslustige Kämpfer zu sein.

In Anerkennung seiner Leistungen erhielt er den Titel des Marschalls von Jugoslawien. Es gelang ihm, das Vertrauen Stalins zu festigen und jenes Churchills sowie der Alliierten zu gewinnen. „Im Frühjahr 1944 befand sich Tito in der angenehmen Situation eines Mädchens, das unter zwei Freiern wählen kann: Russen wie Briten waren voller Lob für die Erfolge der Partisanenarmee“, schreibt Pirjevec. Nun begann Titos Lavieren zwischen den Machtblöcken, das charakteristisch für sein politisches Handeln werden sollte.

Gegen und nach Kriegsende begingen Titos Partisanen Massaker unter den besiegten Gegnern. Es kam zu politischer Verfolgung und zu Schauprozessen, die man u.a. gegen Kardinal Stepinac führte, den Erzbischof von Zagreb. Der Marschall war nun Regierungschef, Oberkommandierender der Streitkräfte und faktisch absolutistischer Diktator der neuen Föderativen Volksrepublik Jugoslawien. Er residierte in den königlichen Palästen des Landes und eignete sich nach und nach seinen weithin bekannten eleganten Lebensstil und seine monarchistische Attitüde an.

Immer deutlicher ging Tito auf Distanz zu Stalin und propagierte Jugoslawiens eigenständigen Weg zum Sozialismus. Belgrad verzichtete auf starre Planvorgaben und gewährte den Betrieben ein gewisses Maß an Selbstverwaltung. Wenngleich Pirjevec hier eine klare Einschränkung vornimmt: „Der Analphabetismus und der überaus bescheidene Bildungsstand breiter Volksschichten, die wirtschaftliche Rückständigkeit, die allgemeine Schwäche der jugoslawischen Gesellschaft, vor allem aber die fehlende Bereitschaft der Partei, ihrer hegemonistischen Stellung zu entsagen, lähmten von Anfang an das Selbstverwaltungsexperiment. Die Tatsache, dass der technologische Fortschritt ein immer komplexeres Management verlangte, für das erfahrene Kader benötigt wurden, untergrub in den folgenden Jahrzehnten die Vision einer aktiven Mitwirkung der Arbeiter an der Verwaltung der Unternehmen immer mehr. So blieb die ,Selbstverwaltung’ in Wirklichkeit eine politisch-ideologische Parole.“

Eigenständige Politik als Kernelement des Titoismus

Tito verfolgte darüber hinaus eine eigenständige Bündnispolitik auf dem Balkan. Er strebte eine Föderation mit dem von Georgi Dimitrow geführten Bulgarien sowie die Eingliederung Albaniens in den jugoslawischen Staatenbund an und wollte ein anderes Staats- und Gesellschaftsmodell umsetzen. Stalin wurde er mit seiner Ablehnung von Moskaus Führungsposition im sozialistischen Lager zu aufmüpfig und zu unabhängig, widersprach doch Belgrad dem Anspruch der Bolschewisten, sie allein seien die ideologischen Erben von Karl Marx.

Moskau reagierte – inmitten des sich entwickelnden Kalten Krieges, als sich der von Churchill definierte Eiserne Vorhang von Stettin bis Triest senkte – ungehalten, erkannte in dem Marschall in Belgrad einen Abtrünnigen, der eine gezielt antisowjetische Politik verfolge, und belegte ihn und seine Lehre fortan mit dem bösen Wort Titoismus. Die Medien der UdSSR und ihrer Verbündeten im Ostblock starteten eine wüste Schimpfkampagne gegen die „Verräterclique in Belgrad“, diese „Feinde des Proletariats“.

Ein Putsch von Stalinisten innerhalb der KPJ (später: Bund der Kommunisten Jugoslawiens/BDKJ) schien um 1950 ebenso möglich wie der Befehl des Kreml, Armeen des Warschauer Pakts in Jugoslawien einmarschieren zu lassen. Tito fürchtete um sein Leben, nachdem eine Operation durch sowjetische Ärzte mit schweren Komplikationen geendet hatte. Aus Moskau kamen kaum verhüllte Morddrohungen, und Georgi Dimitrow starb 1949 während eines Aufenthalts in der UdSSR.

Von Stalin stammt der Ausspruch, er brauche nur mit dem Finger zu schnipsen, um Tito loszuwerden. Doch der jugoslawische Marschall überlebte den sowjetischen Tyrannen um Jahrzehnte und wurde – gemeinsam mit Nasser, Nehru, Zhou Enlai und Sukarno – zu einem der Gründer und Sprecher der Bewegung der Blockfreien Staaten. Früh wurde ihm bewusst, wie wichtig der Nord-Süd-Dialog war. Man suchte ihn als politischen Gesprächspartner. „In Washington und London“, so lesen wir, „erkannte man bald, wie nützlich ihnen Titos renitentes Verhalten gegenüber Stalin war. Und zwar nicht nur aus psychologischen und propagandistischen Gründen, sondern auch aus strategischen.“

Tito bewies, dass die Allmacht Moskaus brüchig war und man den Kreml im eigenen Lager herausfordern konnte. Nikita Chruschtschows Besuch in Belgrad legte 1955 den Grundstein für eine Normalisierung der Beziehungen und ein Ende der Auseinandersetzung, wenngleich das bilaterale Verhältnis äußerst schwierig blieb. Es gab Höhen und Tiefen. Scharf verurteilte Tito den Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei, der 1968 den Prager Frühling beendete. Leonid Breschnew hatte ihm zuvor versichert, ein militärisches Eingreifen gegen Dub?eks Reformpolitik werde es nicht geben.

„Eine monarchistische Oligarchie ohne Scham in ihrer Machtgier“

Der Marschall, ab 1953 und bis an sein Lebensende Präsident Jugoslawiens, hatte durchaus seine internen Widersacher. Machtkämpfe unter den Spitzengenossen waren der Normalfall, nicht die Ausnahme in der politischen Führung in Belgrad. So ließ Tito Milovan Djilas wegen ideologischer Differenzen kaltstellen, jenen Mann, der zum berühmtesten Dissidenten Jugoslawiens avancierte. Anderen engen Weggefährten und Mitarbeitern des Marschalls wie dem politisch wohl doch zu ehrgeizigen Aleksandar Rankovi? erging es nicht besser. „Die Führung des BDKJ mit Tito an der Spitze“, so der jugoslawische Schriftsteller Dobrica ?osi?, „ist eine monarchistische, bürokratische Oligarchie, moralisch heuchlerisch und ohne Scham in ihrer Machtgier.“

Die wirtschaftliche Situation blieb trotz immer neuer Reformprogramme schwierig. Versorgungsmängel und die hohe Inflation nährten den Unmut im Volk, und viele Jugoslawen entschlossen sich, als Gastarbeiter ins Ausland zu gehen. Man solle Tito „sukarnisieren“, war in Belgrad zu hören, als man Indonesiens Präsidenten Sukarno seiner Macht entkleidete, ihn jedoch pro forma im höchsten Staatsamt beließ. Erstarkende nationalistische Strömungen ließen sich in dem Vielvölkerstaat nur mit Mühe – und mit scharfer Repression – unter Kontrolle halten. So konnte der Kroatische Frühling, der letztlich auf Sezession zielte, 1971 nur mit Härte unterdrückt werden.

In seiner umfassenden Biografie von großer Detailfülle beleuchtet Jože Pirjevec die vielen Facetten des jugoslawischen Autokraten, schildert seine Erfolge und Misserfolge und zeichnet insgesamt ein Bild, das Josip Broz Tito gerecht wird. Kritiker werden bemängeln, dass der Autor wohl etwas zu gut mit dem Marschall umgeht und den diktatorischen Charakter des Regimes sowie die Härte des Vorgehens gegen jedwede Form von Opposition nicht deutlich genug herausstellt. Es gab viele verdächtige Jagdunfälle, Flugzeugabstürze und Autokollisionen unter jugoslawischen Spitzenpolitikern.

Der Machthaber in Belgrad blieb – was aus heutiger Sicht ebenso wie im Fall Nicolae Ceau?escu nicht ganz einfach nachzuvollziehen ist – ein im Westen gesuchter und geachteter Gesprächspartner, ein Bonvivant und ein beinahe spätmittelalterlich auftretender Fürst. Man sah ihm nach, dass er auf der Insel Brioni international verehrte Filmstars und andere Prominente hofierte und, gewandet in die weiße Uniform des Marschalls, eine dandyhafte Form von Prunksucht genoss. Auch, dass er „ein Mensch von großen Leidenschaften“ war und die Frauen liebte, wie Pirjevec in einem Exkurs des Buches beschreibt.

Tito war ganz einfach einer der wichtigen Politiker im Europa nach 1945. Dem Fortbestand Jugoslawiens gab man schon deshalb kaum eine Chance, weil der Marschall einen Nachfolger nicht aufbaute; er persönlich hielt den Vielvölkerstaat zusammen. Als er 1980 nach langer Krankheit starb und im Beisein einer großen Zahl von ausländischen Staats- und Regierungschefs beigesetzt wurde, verlor Europa einen bereits legendären Staatsführer und Zeitzeugen. Den Schlusspunkt unter seine Ära setzte 2013 der Tod von Titos vierter Ehefrau Jovanka. Zu diesem Zeitpunkt war der Bundesstaat Jugoslawien längst Geschichte.

Jože Pirjevec: Tito. Die Biografie. [Tito in tovariši] Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. 720 Seiten (mit Anhang, Quellen- und Literaturverzeichnis). Verlag Antje Kunstmann, München 2016. 39,95 Euro



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