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Literatur – 12. September 2017 – Jürgen Hermann
KRITIK

Der Druck im Klassenzimmer

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Susanne Giebeler: Gymnasium. (Bild: Verlag)

Ein realitätsnahes Bild über den Alltag an einer deutschen Oberschule vermittelt Susanne Giebeler in ihrem Roman „Gymnasium“.
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Wir lernen Alexander Haase kennen, einen eher sensiblen Vierzehnjährigen, der nach der Trennung der Eltern die Schule wechseln und von Dortmund weggehen muss. Er lebt bei seiner Mutter, einer Krankenschwester in einer Privatklinik mit veritablem Alkoholproblem. Alex war bisher an einer Schule in einem sozialen Brennpunkt, wo manche Kinder zum Mittagessen zur örtlichen Tafel gehen; nun soll alles besser werden:

„Nach dem Umzug in die neue Stadt musste er sich hier zwischen drei Gymnasien entscheiden. Er hatte nicht lang überlegt. Die Schule, vor der imposant und schon von Weitem sichtbar ein riesiger steinerner Löwe vor Stärke strotzend sein Maul aufriss – diese Schule musste es sein. Der Löwe würde sein Schutzpatron werden, würde mit seinen Reißzähnen die Fesseln zerschneiden, und er würde aufstehen und selbst stark und stolz wie ein Löwe sein. Der Löwe war bald mehr als ein Talisman, der Löwe wurde ein Freund, zu dem es ihn zog, noch bevor das Schuljahr begonnen hatte.“

Alex besucht fortan das Goethe-Gymnasium „in der teuersten Wohngegend der ansonsten runtergekommenen Ruhrgebietsstadt“. Der Junge hat nun Mitschüler, die meist noch Familiennamen wie Richter, Schreiber oder Westermayer tragen. Humanistische Bildung wird großgeschrieben. Ob er in einer Altgriechisch-AG mitarbeiten möchte, wird er gleich zu Beginn unter Hinweis auf das breite Angebot des Gymnasiums gefragt.

Susanne Giebeler, die Autorin dieses Buches, unterrichtet an einem Weiterbildungskolleg in Bochum und macht in ihrem Roman nicht die Gewalt auf den Schulhöfen oder die Probleme mit Multikulti zum Thema, sondern greift den enormen Leistungsdruck für Heranwachsende aus eher gutbürgerlichen Familien auf. Sie schildert darüber hinaus den psychischen Druck, dem die Lehrer ausgesetzt sind. Eine von ihnen wird von Kolleginnen schon mal heulend auf der Toilette gefunden.

Heute haben Pennäler oft mehr als einen Nachhilfelehrer, der sie durch den umfangreichen Stoff führt, und somit entscheidet das Geld der Eltern über den schulischen Erfolg. Mehr noch: Diese Eltern tun alles für das Vorankommen ihrer Sprösslinge und beschweren sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit über vermeintliches pädagogisches Fehlverhalten. Es wird geholzt und gekämpft und intrigiert, um sich einen Vorteil zu verschaffen.


Um eines Vorteils willen wird gekämpft und intrigiert

Wir lernen auch Eva Jägersberg kennen, eine Lehrerin, die unter diesem Druck leidet und auf keinen Fall noch mehr Kurse übernehmen möchte. Regelmäßig begibt sie sich unter einem Vorwand in die Landeshauptstadt und genießt dort zur Entspannung intime Treffen mit jüngeren Herren der Kategorie „Maskulin“, die sie über einen Escortservice bucht und teuer bezahlt. Ehegatte Hartmut kann ihr nach zwei Schlaganfällen derlei nicht mehr bieten.

Alex wird Probleme an der Schule bekommen, sowohl mit den Mitschülern als auch mit den Lehrern. Seine Leistungen fallen ab. Dabei will er gute Noten in der Hoffnung erreichen, dass auf diese Weise die Eltern wieder zueinanderfinden. Als Alex in eine leichte körperliche Auseinandersetzung mit Leonie aus seiner Klasse verwickelt wird, eskalieren die Dinge; Leonies Eltern verlangen seinen Schulausschluss.

Ausgerechnet Leonies Mutter beobachtet Eva Jägersberg mit ihrem Escort-Man. Die Erpressung läuft an: Alex fliegt von der Schule, oder Evas außereheliche Treffen mit professionellen Gigolos werden überall bekannt. So geht es zu im altehrwürdigen Goethe-Gymnasium. Derweil sammelt Alex‘ Mitschüler Richard in einem Versteck Chemikalien, mit denen man auch Bomben basteln kann ...

Für Schüler war es nie einfach, wie wir aus Romanklassikern wie „Unterm Rad“ oder „Der Schüler Gerber“ wissen, seit Hermann Hesse und Friedrich Torberg vor Jahrzehnten schilderten, welchem Druck Pennäler ausgesetzt sind. Susanne Giebler gibt sich Mühe, beschreibt die Qualen und Mühen und reißt den Leser doch so richtig nicht mit. Es bleibt der Eindruck, aus dem Stoff hätte man mehr machen können.

Eine Lehrerin, die im neuen Hausmeister der Schule ihren bezahlten Liebhaber erkennt; Erpressungsversuche, anhaltendes Mobbing und fortlaufende Zickereien unter Schülerinnen sowie ein satirisch-explosives Ende, das dann doch eher verpufft: Elemente dieser Geschichte. Der Leistungsdruck, so lernen wir über Deutschlands Gymnasialalltag, überwiegt, während man die Vermittlung sozialer Werte und soft skills zur Nebensache reduziert. Es gelingt Giebeler, auf die Chancenungleichheit an einer weiterführenden Schule hinzuweisen, in welcher sie eine Quelle der Spaltung unserer Gesellschaft sieht.


Susanne Giebeler: Gymnasium. Roman. 292 Seiten. tredition Verlag, Hamburg 2017. 22,99 Euro.


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