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Kulturarbeit, Literatur – 30. November 2009 – Julia-Rebecca Riedel
KRITIK

Das Werk der Mörder nicht vollenden

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Anita Laser-Wallfisch hält die Erinnerung wach. (Foto: Böttger)

Anita Lasker-Wallfisch, die Cellistin von Auschwitz, erinnert sich.
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Sie habe nicht den Wunsch gehabt über das, was ihr und ihrer Familie angetan wurde, zu sprechen, sie wollte es vergessen. Am Anfang, damals nach der Befreiung des Lagers Bergen-Belsen und der Überfahrt nach England, da hätte sie gerne geredet, sie wäre gerne gefragt worden, was sie erlebt und erlitten habe, aber sie ist nicht gefragt worden. Die Menschen schlossen die Augen. Die Menschen wollten vergessen. Vergessen wollten sie vor allem ihre Angst. Und so beschloss auch Anita Lasker-Wallfisch zu schweigen und nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzten.

Für ihre Kinder beginnt sie - Eli Wiesels Worte über das Nichtvergessendürfen voranstellend „Und so sagt sich der Überlebende, sich nicht zu erinnern mache ihn zum Kompliment des Feindes: Wer zum Vergessen beiträgt, vollendet das Werk der Mörder. Deshalb ist es notwendig, Zeugnis abzulegen, um sich nicht im Lager des Feindes zu finden.“ (Aus: Eli Wiesel, A Jew Today) – ihre Erinnerungen Ihr sollt die Wahrheit erben niederzuschreiben.

In dieser Woche war Anita Lasker-Wallfisch zu Gast in Bonn und las unter anderem in der Buchhandlung und Galerie Böttger sowie in verschiedenen Schulen aus Ihren Erinnerungen. Im Anschluss beantwortete sie Fragen zu ihrem Buch, ihrer Musik – zu ihrem Leben.

Der Zuhörer merkt schnell, dieser Frau dient die Sprache – wenngleich sie im Gespräch sagt, ihr Deutsch sei lange nicht mehr so gut wie das ihr ursprünglich fremde Englisch – als Waffe: höchst eigenwillig, resolut, witzig. Sie ist schlagfertig. Auf Fragen, die ihr nicht passen, antwortet sie mit scharfen, entwaffnenden Gegenfragen. Auf Fragen nach Israel antwortet sie harsch, Israel sei nicht nur, weil sie Jüdin sei, ihre Heimat, sie habe mit diesem Land nichts zu tun, sie habe Israel vielleicht ein, zwei Mal besucht, die gegenwärtige Lage einzuschätzen sei nicht an ihr.

Nicht vergessen: Das ist ihr Thema. Das Werk der Mörder nicht in Schweigen zu hüllen, zu verbergen und damit endlich doch noch zu vollenden. Deshalb kommt Anita Lasker-Wallfisch lange vor dem Mauerfall, wie sie selbst datiert, mit dem English Chamber Orchestra nach Deutschland, sie, die nie wieder einen Fuß auf Deutschen Boden setzen wollte.

Sie besucht das ehemalige Lager Bergen-Belsen, um zu sehen, „was sie daraus gemacht haben“. Was sie daraus gemacht haben: bei ihrem ersten Besuch nicht sehr viel. Sie trifft vom Zufall geleitet die richtigen Leute und hilft beim Aufbau der Erinnerungskultur in Bergen und der Umgebung. Sie ist, wie sie sagt, eidbrüchig geworden. Aber bereuen? Nein, bereut hat sie es nicht. Ganz im Gegenteil, die Besuche in Deutschland, die Arbeit an der Erinnerungskultur haben sie ihren Hass begraben lassen. Gute Menschen interessieren sie, sagt sie und weiter, das sei keine Frage der Nationalität.

Ein paar Tage später spricht Anita Lasker-Wallfisch in der Reihe Zeitzeugen Gespräche vor Schülern des Beethoven-Gymnasiums. Die Schüler reagieren ganz besonders auf die, die überlebt hat. Neugierig, sensibel wurde nach den Lesungen aus Ihr sollt die Wahrheit erben nachgefragt: Was aus den Schwestern geworden sei, wie man sich wiedergefunden habe, was sie nach Deutschland zurückgetrieben habe, wo ihre Heimat sei, was sie sich für die Zukunft erhoffe, und vieles andere.

Die Antworten waren ebenso erstaunlich, wie die Fragen. Bereitwillig und einfühlsam schilderte Anita Lasker-Wallfisch Lageralltag und ihre ersten Unternehmungen nach der Befreiung, erzählt vom Wichtigsten: dem Cello. Die Schüler hören gebannt zu, zwei vielleicht 16-Jährige tuscheln: „Davon haben meine Großeltern mir nichts erzählt!“ - „Meine haben es miterlebt!“ Ganz nebenbei gibt Anita Lasker-Wallfisch Lese- und Kinotipps. Der Junge im gestreiften Pyjama sei eine Illusion, der man keinen Glauben schenken dürfe, Schindlers Liste hingegen: dem Grauen der Zeit ganz nahe.

Ihre Erinnerungen – für ihre Kinder geschrieben – sind längst schon nicht mehr nur ihre Erinnerungen. Sie hat sie uns geschenkt. Lernen wir aus ihnen.


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