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Kulturarbeit, Musik – 01. April 2015 – Gastbeitrag: Nicklaus Cleber

Beethoven-Festspielhaus: Businessplan ist ungültig

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Langsam wird es düster um des Meisters Festspielhaus. (Bild: Klaus Haupt/pixelio.de)

Forscher der Uni Bonn decken auf: Die Größe bestimmter Gehirnstrukturen macht anfälliger für Marketingeffekte. Bei den Plänen für das neue Konzerthaus sind sich die Befürworter offenbar selbst auf den Leim gegangen. Wie war das möglich bei so viel Prominenz?
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Schon bei der Vorstellung des Businessplans für das Festspielhaus waren Zweifel aufgekommen: Sind die zugrundegelegten Zahlen bei Auslastung und Tourismus realistisch? Eignen sich die Zahlen anderer Konzerthäuser als Berechnungsgrundlage für den Bonner Betrieb? Welche Auswirkungen hat die Umwidmung von Sponsorengeldern der Telekom vom Beethovenfest zum Festspielhaus? Und was passiert ab dem Jahr 2025, wenn die Unterstützung der Telekom von jährlich 1,5 Mio. Euro wegfällt?

Fragen über Fragen, die einer Beantwortung harren. Die Befürworter des Großbauprojekts setzen derweil alles daran, den „ersten Stein“ am Baugrund neben der Beethovenhalle zu setzen und damit Verhältnisse zu schaffen, hinter die niemand zurückkann. Einen schlüssigen Erklärungsversuch für das jahrelange Gerangel um das Festspielhaus liefern nun indirekt Bonner Wissenschaftler.

Ein Forscherteam der Universität Bonn und der INSEAD-Business School in Frankreich kam bei der Untersuchung, welchen Einfluss Preisschilder und Markennamen auf den Konsumenten haben, zu dem Ergebnis: Die Anfälligkeit für solche Marketingeffekte hängt mit der Größe bestimmter Gehirnstrukturen zusammen.


Wirkung ohne Inhalt

Demnach verbinden viele Menschen mit einem höheren Preis die Erwartung, dass die teurere Variante auch besser ist, selbst wenn sich die Produkte nicht unterscheiden. Dieses Phänomen bezeichnen die Wissenschaftler als „Marketing-Placebo-Effekt“: Wie ein Scheinmedikament in der Medizin entfalten sie durch die ihnen zugeschriebenen Eigenschaften eine Wirkung, ohne dass dies durch den Inhalt gerechtfertigt wäre.

Für die Festspielhaus-Diskussion bedeutet das: Je irrwitziger der Preis bzw. die Kosten für Bau, Auslastung, Stiftung und Betrieb der Immobilie, umso eher glauben die Befürworter an die Machbarkeit des Projekts und intensivieren ihre Anstrengungen für seine Umsetzung. Eine Variante der rheinischen Lebensweisheit „Wat nix koss, dat is auch nix“? Zumindest eine plausible Erklärung für die Initiative 5000x5000 von „Grießl & friends“.

Die Wissenschaftler gehen sogar noch weiter. „Marketingplacebos beeinflussen aber nicht nur die Erwartung, sondern auch die Sinneswahrnehmung und unser Verhalten“, sagen sie. Aus ihren Experimenten lasse sich ableiten, dass die Anfälligkeit für Marketing-Placebo-Effekte von bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen abhängt: Wer zum Beispiel aufgrund seiner Gehirnstruktur stärker auf Belohnungseffekte reagiert, lässt sich leichter durch künstlich erzeugte Erwartungen stimulieren.

Auch auf die Frage, wie solche Anfälligkeiten entstehen, geben die Forscher eine Antwort. „Unsere Ergebnisse bedeuten nicht, dass bestimmte Konsumenten mit einer größeren Anfälligkeit gegen Marketing-Placebo-Effekte geboren werden, sondern dass es sich um eine Konsequenz des Verhaltens in der Vergangenheit handelt.“

Somit wären die Gründe für das Ja zum Festspielhaus in der individuellen Belohnungs-Vergangenheit der Befürworter zu suchen. Die Forschungsergebnisse legen damit auch nahe, dass der Businessplan unter irregulären Bedingungen zustande gekommen ist. Es stellt sich die Frage, welche Vorkommnisse den Ausschlag gaben, sich so vehement zu engagieren.


Bonn – eine Spielwiese in der Provinz?

Hinter vorgehaltener Hand heißt es dazu aus dem Umfeld der Bonner Ratsfraktionen: „Schauen Sie sich die Wortführer doch mal an: Alles ehemalige Größen der Bundespolitik, die auf ihre letzten Tage noch mal eine Spielwiese in der Provinz suchen, wo sie sich richtig austoben können.“

Ein stimmiges Argument oder billige Stimmungsmache? Monika Wulf-Mathies ist Vorsitzende des Vereins der Festspielhausfreunde. Die ehemalige Gewerkschaftvorsitzende sah sich als EU-Kommissarin dem Vorwurf der Vetternwirtschaft ausgesetzt, ehe sie als europapolitische Beraterin für Bundeskanzler Gerhard Schröder arbeitete. Von Schröders EU-Politik profitieren wir und viele andere, vor allem in Südeuropa bis heute.

Wolfgang Clement sitzt im Kuratorium der Festspielhausfreunde. Unter Kanzler Schröder setzte er als Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit die Agenda 2010, speziell Hartz IV um und engagierte sich bei der Einrichtung eines riesigen Niedriglohnsektors. Seit seinem Austritt aus der SPD irrlichtert Clement zwischen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, der FDP und als Teilnehmer des Bonner Rosenmontagszuges umher.

Clement ist außerdem Mitglied im Vorstand der Beethoventaler-Genossenschaft „Förderer Beethoven Festspielhaus Bonn eG“. Ebenfalls dort sitzt Stephan Eisel, zugleich Vorsitzender des Vereins „Bürger für Beethoven“. Eisel hat sich als Verfasser eines Buches über seinen langjährigen Dienstherrn, den Einheits- und Spendenaffäre-Ehrenwort-Kanzler Helmut Kohl hervorgetan, ehe er 2009 nicht mehr für die CDU in den Bundestag gewählt wurde. Neuerdings sieht er die Zeit endlich reif für eine alte Idee: die Europa-Armee.

Schon heute legendär in der Festspielhaus-Debatte sind Eisels Rechenkünste: Gemäß der Logik der früheren Telekom-Werbung „Für 20 Euro im Monat kostenlos telefonieren“ rechnet Eisel gerne vor, dass die Stadt Bonn durch einen Festspielhaus-Neubau 20 Mio. Euro spart. (Unausgesprochene Bedingung: Man spare zuvor die Beethovenhalle über Jahre in die Baufälligkeit.)


Einmal eine Vision und es gibt kein Zurück

Angesichts von so viel geballter Prominenz und Kompetenz scheint es völlig unverständlich, warum Bonn noch kein Festspielhaus ziert. Wahrscheinlich ist: Die Befürworter haben sich allein mit ihrer Vision vorab zu sehr selbst belohnt, sie sind sich sozusagen selbst auf den Leim gegangen.

Hierfür haben die Wissenschaftler einen Rat zur Hand: Die Anfälligkeit für Belohnungen – in unserem Fall: das Festspielhaus – hänge von der Größe der betroffenen Gehirnregionen ab. Und diese lasse sich durch Lernprozesse verändern. Die Forscher empfehlen hierzu „intensives Jongliertraining“. Vielleicht mit Zahlen?


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