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Kino – 24. Dezember 2013 – Michael Hermann
KRITIK

Rhythmus im Blut

Adam (Tom Hiddleston) prüft mit Kennerblick eine Gitarren-Rarität, im Hintergrund Lieferant und Fan Ian (Anton Yelchin). (Bild: © Pandora Film Verleih 2013)

Adam (Tom Hiddleston) hat sich mithilfe des dienstbaren Ian eine spezielle Kugel für seinen Revolver besorgt. (Bild: © Pandora Film Verleih 2013)

Geben im Club in Detroit ein imposantes Paar ab: Eve und Adam (Tilda Swinton und Tom Hiddleston). (Bild: © Pandora Film Verleih 2013)

Mensch/„Zombie“ Ian (Anton Yelchin) möchte gerne die gleiche Sonnenbrillen-Coolness abstrahlen wie Adam, Eve und deren kleine Schwester Ava (Mia Wasikowska). (Bild: © Pandora Film Verleih 2013)

Adam (Tom Hiddleston) in seinem mit Vintage-Equipment und zahlreichen Sammlerstücken ausgestatteten „Tonstudio“. (Bild: © Pandora Film Verleih 2013)

Eve (Tilda Swinton) mit dem – psst, total geheim! – eigentlichen Autor des „Hamlet“ und anderer Shakespeare-Klassiker, Christopher Marlowe (John Hurt). (Bild: © Pandora Film Verleih 2013)

Adam (Tom Hiddleston) geht Lebensmittel besorgen. (Bild: © Pandora Film Verleih 2013)

Adam und Eve (Tom Hiddleston und Tilda Swinton) sind schon etwas länger auf der Welt und brauchen ihre Ruhephasen. (Bild: © Pandora Film Verleih 2013)

Adam und Eve haben schon diverse Male Hochzeit gefeiert. Hier ein Foto ihrer Vermählung anno 1868. (Bild: © Pandora Film Verleih 2013)

Blass im bleichen Licht: Eve und Adam in Tanger (Tilda Swinton und Tom Hiddleston). (Bild: © Pandora Film Verleih 2013)

Mit seinen Vampiren Adam und Eve bringt Jim Jarmusch in „Only Lovers Left Alive“ eines der charmantesten Blutsauger-Paare der Filmgeschichte auf die Leinwand. Die zwischen vergnüglich und melancholisch pendelnde Romanze ist gespickt mit Anspielungen auf Musik, Film, Literatur und Popkultur.
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Es ist ein gängiger Kunstgriff, Zeit- und Zivilisationskritik in den Mund von Außerirdischen oder Zeitreisenden zu legen, die den allgegenwärtigen Wahnsinn kopfschüttelnd aus der Perspektive des Außenseiters betrachten. So wie es Vampir Adam (Tom Hiddleston) tut, der nun schon einige Jahrhunderte auf dem Buckel hat – die man ihm natürlich nicht ansieht, genauso wenig wie seiner noch etwas älteren Liebsten Eve, gespielt von der seit Orlando anscheinend tatsächlich alterslosen Tilda Swinton. Adam hat genug gesehen und erlebt, ihm scheint die Welt nur noch von „Zombies“ bevölkert. Eve hingegen gibt den eher romantisch-lebensfrohen Teil in ihrer Beziehung. Die führen die beiden schon eine Weile aus der Ferne und per Videotelefonie: Sie lebt in Tanger, er in einer verlassenen Gegend der sterbenden Metropole und Ex-Autostadt Detroit, deren Name hier auch ‚détruit‘ bedeuten könnte.

Als bei Adam wieder einmal akute Missstimmung aufkommt, macht sich Eve über ein paar komplizierte Nachtflugverbindungen von Marokko aus auf den Weg in die Staaten, um ihren Langzeit-Gemahl auf andere Gedanken zu bringen. Das klappt auch einigermaßen, und es könnte alles in Ordnung sein, wenn nicht Eves missratene jüngere Schwester Ava (Mia Wasikowska) auf einmal aufkreuzen und sich vorübergehend bei ihnen einquartieren würde. Auch unter Vampiren gibt es die üblichen Familienzwistigkeiten. Und wenn Ava jemanden „süß“ findet, wie Adams „Zombie“-Gehilfen Ian (Anton Yelchin), ist äußerste Vorsicht geboten.


Der illusionslos-nüchterne Blick des Vampirs

Die Konstellation bietet ein tragfähiges Handlungsgerüst für schöne Nachtbilder bleicher Gestalten und ihre Dialoge, in die Drehbuchautor und Regisseur Jim Jarmusch oft jenen lakonischen bis skurrilen Witz einfließen lässt, den man aus Filmen wie Down By Law, Mystery Train oder Night On Earth kennt, und der hier noch durch Anachronismen und Untoten-Gags („Das ist gerade mal 87 Jahre her!“) angereichert wird. Seine Vampire sind wahre Nerds und wandelnde Konversationslexika, sie hatten ja auch Jahrhunderte Zeit, sich Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen. Was Wunder, dass der romantisch-melancholische Künstler Adam die Unfähigkeit der Menschen beklagt, die großen Geister und Wissenschaftler unter ihren Zeitgenossen zu erkennen und angemessen zu würdigen. In der Beurteilung von Künstlern sieht es seiner Ansicht nach nicht viel besser aus, und da kennt sich Adam als Musiker und Komponist mit einem über die Jahrhunderte gewachsenen und veredelten Geschmack besonders gut aus, ob es sich um klassische Stücke für Solovioline oder um Noise und Garage mit Space-Rock-Elementen handelt.

Musik ist ein zentraler Bestandteil von Only Lovers Left Alive. Gleich zu Beginn gibt es einige schöne alte Gitarren zu bestaunen, unter anderem Exemplare von Gretsch und Gibson sowie ein glitzerndes schwedisches Hagström-Modell aus den 70ern (ein Hinweis am Rande für die Gitarreros). Neben viel Gitarren- und ein bisschen Geigenmusik darf auch etwas Soul nicht fehlen. Adam lebt immerhin in Motown, einer der beiden historischen Soul-Hochburgen, während Eve bekennt, eher ein „Stax-Girl“ zu sein (noch so ein Musiker-Gag).

Jarmusch treibt das Spiel mit den Zitaten und Anspielungen munter weiter fort. In Eves Reisegepäck befindet sich neben Literatur aus ihrer „Jugend“, also bis circa zum 17. Jahrhundert, auch Aktuelleres wie Infinite Jest. Die Namen in ihren Reisepässen sind berühmten Figuren der Literaturgeschichte entlehnt. Ein paar Seitenhiebe auf reale historische Gestalten und frühere Zeitgenossen müssen ebenfalls sein, insbesondere Lord Byron und Shakespeare kommen gar nicht gut weg. Was letzteren angeht, bedient sich Jarmusch einer der zahlreichen Theorien, die dessen Autorschaft anzweifeln, nämlich jener, die Christoper Marlowe (John Hurt) für den Verfasser von Shakespeares großen Bühnenwerken hält. Überdies entpuppt sich Marlowe hier als Vampir … ernstzunehmen ist das Jonglieren mit den Verweisen ohnehin nicht: So stammt das Adagio aus einem von Schuberts Streichquartetten nicht von ihm, sondern von – Adam.  


Blut ist ein ganz besonderer Saft

Wie der Mensch, braucht auch der Vampir Nahrung für sein Überleben. Und für ihn gilt ebenso: Das Auge isst beziehungsweise saugt mit. (Man beachte eine Szene, in der Eve Adam eine spezielle Darreichungsform von Blut kredenzt.) Dass Blut ein ganz besonderer Saft ist, wusste eben nicht nur ein einschlägig bekannter Weimarer Geheimrat. Vor manchen qualitativ minderwertigen Blutkonserven müssen sich Vampire im 21. Jahrhundert offensichtlich in Acht nehmen. Gleiches gilt für Versuche, direkt an der Quelle Mensch/„Zombie“ anzuzapfen. In diesem Zusammenhang gönnt Filmemacher und Musiker Jarmusch sich und dem Publikum einen deftigen Gag auf Kosten der Musikindustrie. Doch eigentlich ist der Halsbiss ja sowas von out und 19. Jahrhundert – das macht man heutzutage nur noch im Notfall, und in dem gilt für die Opfer die Ansage: Only Lovers Left Alive. Üblicherweise holt Adam als Chirurg verkleidet im Krankenhaus Nachschub, wobei seine Namensschilder einmal mehr Doktoren aus Film und Literatur zieren.

Mit Only Lovers Left Alive stellt Jim Jarmusch unter Beweis, dass sein typischer Stil auch mit einem Genre wie dem Vampirfilm zusammengeht, von dem man das nicht unbedingt erwartet hätte. Ein vergnüglicher, gleichwohl melancholisch grundierter Film mit einem ausgezeichneten Hauptdarsteller-Gespann, und ein feiner Abschluss für das gar nicht so schlechte Kino-Jahr 2013.


Only Lovers Left Alive - Regie: Jim Jarmisch, mit: Tilda Swinton, Tom Hiddleston, John Hurt u. a., USA 2013, 123 Min., FSK 12, Kinostart: 25. Dezember 2013.
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