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Kino – 04. Dezember 2013 – Michael Hermann
KRITIK

Katzenjammer

Llewyn Davis (Oscar Issac) auf der Bühne des Gaslight Cafe in Greenwich Village, NYC. (Bild: Studiocanal Filmverleih)

Nö, das sind nicht Peter, Paul & Mary. Jean (Carey Mulligan), Jim (Justin Timberlake) und Troy klingen aber so ähnlich. (Bild: Studiocanal Filmverleih)

Gelegenheit zum Geldverdienen: Llewyn nimmt zusammen mit Jim (Justin Timberlake) und Al (Adam Driver) das Comedy-Folk-Stück „Please Mr Kennedy“ auf. (Bild: Studiocanal Filmverleih)

Llewyn (Oscar Isaac) hat die entlaufene Katze seiner Gastgeber wieder im Griff. Ob das in der U-Bahn so bleibt? (Bild: Studiocanal Filmverleih)

Llewyn (Oscar Isaac), Jim (Justin Timberlake) und Jean (Carey Mulligan) schauen sich einen Gig von Troy an, den Llewyn später noch pflichtschuldigst runtermachen wird. (Bild: Alison Rosa/Studiocanal © 2013)

John Goodmans Auftritt gehört zu den Höhepunkten in „Inside Llewyn Davis“. (Bild: Studiocanal Filmverleih)

Jean (Carey Mulligan) hat für Llewyn nicht mehr allzu viel übrig. (Bild: Alison Rosa/Studiocanal © 2013)

Es ist zum Verzweifeln: Die Katze stiehlt jede Szene. Gar nicht wahr, Oscar Isaac spielt seinen nicht gerade einnehmenden Anti-Helden Llewyn Davis sehr überzeugend. (Bild: Alison Rosa/Studiocanal © 2013)

Kein Zuhause, kein Geld: Llewyn hat’s eh schon nicht leicht und macht es sich dann oft noch zusätzlich schwer. (Bild: Alison Rosa/Studiocanal © 2013)

Zu Besuch bei Impresario und Produzent Bud Grossman (F. Murray Abraham) in Chicago: Llewyn (Oscar Isaac) kämpft und singt um seine Chance. (Bild: Alison Rosa/Studiocanal © 2013)

„Inside Llewyn Davis“ handelt von einem erfolglosen Folksänger und -gitarristen im New York des Jahres 1961. Ein Film ohne echten Plot, aber mit einer Katze. So etwas kriegen nur Joel und Ethan Coen hin – zum großen Vergnügen des Zuschauers.
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Llewyn Davis (Oscar Isaac) ist ein weiteres Prachtexemplar in der Galerie der skurrilen Charakterköpfe und schrägen Scheiterer, die die Filme der Coen Brothers seit je bevölkern. Chronisch pleite und den Verlust seines Duopartners mehr schlecht als recht verarbeitend, schlägt er sich mit kümmerlich entlohnten Solo-Gigs und gelegentlichen Plattenaufnahmen als sideman durch. Regelmäßig brüskiert er seine Mitmenschen, auch und gerade ihm nahestehende wie Jean (Carey Mulligan) und Jim (Justin Timberlake) oder das Ehepaar Gorfein (Robin Bartlett, Ethan Phillips), obwohl sie ihm zum wiederholten Male ein Quartier für die Nacht geben oder mit Geld aushelfen. Kaum ein Fettnäpfchen, das er auslässt, kaum eine als Witz gemeinte Bemerkung, die nicht jemand in den falschen Hals bekommt. Und dann entwischt ihm auch noch die Katze seiner Gastgeber.

Kein wirklich sympathischer Held, den sich die Coens da ausgedacht haben. Gleichwohl folgt man Llewyn Davis interessiert und amüsiert auf seinen Wegen durch New York, nach Chicago und wieder zurück, und bei seinen Begegnungen mit Verwandten, „Freunden“, Musikmanagern und skurrilen Fremden. In matten, gedämpften Farben gehalten, sieht Inside Llewyn Davis aus wie ein Film aus der Zeit, in der er spielt, und entwickelt eine Art Gegengeschichte zu den großen Folksänger-Karrieren, die Anfang bis Mitte der 60er-Jahre im Gaslight Cafe in New Yorks Künstlerviertel Greenwich Village begannen. Zu den Quellen, die die Coens nutzten, um Zeitkolorit und Atmosphäre adäquat wiedergeben zu können, gehören unter anderem die Memoiren des 2002 verstorbenen und vermutlich nur noch Folk-Spezialisten bekannten Dave van Ronk.


Der scheiternde Künstler

Bei aller Detailtreue in Ausstattung und Kostümbild wirkt der Film gar nicht wie ein typisches period piece, sondern äußerst frisch. Das ist nicht zuletzt der Leistung von Oscar Isaac geschuldet, der ein überzeugendes Abbild des scheiternden Künstlers liefert. Die Figur des Llewyn Davis steht so stellvertretend für all jene talentierten Singer/Songwriter, die den großen Durchbruch nie geschafft haben, und für die, die es zukünftig versuchen und nicht schaffen werden. Als passender Kontrast dazu betritt nach Llewyns letztem Auftritt im Film einer mit Gitarre, Mundharmonika und näselnder Stimme die Bühne des Gaslight Cafe, dem tatsächlich eine bis heute andauernde Karriere mit weltweiter Gefolgschaft beschieden sein sollte.

Hier ist denn auch ein kurzer (Warn-)Hinweis angebracht: Wer mit zu Gitarrenbegleitung vorgetragener Folk-Musik so gar nichts anfangen kann, wird an rund einem halben Dutzend Stellen zwei bis drei Minuten andauernde Probleme mit Inside Llewyn Davis bekommen, wenn Stücke (meist Traditionals) von Anfang bis Ende ausgespielt werden. Darunter befindet sich allerdings ein Song, der ohne weiteres das Zeug zum Hit hat: „Please Mr Kennedy“, eigens für diesen Film von T-Bone Burnett zusammen mit Justin Timberlake, den Coens und zwei weiteren Ko-Autoren geschrieben und mit Verve und Witz von einem aus Timberlake, Oscar Isaac und Adam Driver bestehenden Trio vorgetragen – die würdigen Nachfolger der unvergleichlichen „Soggy Bottom Boys“ aus O Brother, Where Art Thou. Mit Marcus Mumford hat im Übrigen ein weiterer prominenter Musiker beim Soundtrack mitgemischt, und Oscar Isaac, Carey Mulligan und Justin Timberlake singen wie selbstverständlich alles selbst.

Referenzen zum ebenfalls prall mit US-amerikanischer Volksmusik gefüllten O Brother, Where Art Thou lassen sich auch unter den Rollennamen finden. Die heimliche Hauptfigur von Inside Llewyn Davis heißt Ulysses – und ist ein Katze, die sich als Szenendieb betätigt, wo sie nur kann. Dazu Joel Coen bei der Pressekonferenz in Cannes laut britischem Telegraph: "The film doesn't really have a plot. That concerned us at one point; that's why we threw the cat in." („Der Film hat keinen wirklichen Plot. Das fing irgendwann an, uns Sorgen zu machen, deswegen haben wir die Katze eingebaut.“)


Zwischen Komödie und Drama

Zu lachen gibt es auch ohne die Running-Gag-cat einiges in dieser, bei Licht betrachtet, ziemlich düster grundierten dramedy. Auch das ein Markenzeichen der Coens: ihre einmalige Art, frei von jeglicher Sentimentalität eine tragfähige Balance zwischen Humor und Illusionslosigkeit herzustellen, die unter anderem den 2010 hierzulande etwas untergegangenen, aber nicht minder sehenswerten A Serious Man auszeichnete.

Sinn für Humor der grimmigeren Sorte braucht man, wenn man mit Llewyn zu tun hat. Jean (Carey Mulligan) zeigt, dass sie darüber verfügt, als sie Llewyn rät, er solle in Zukunft besser zwei Kondome übereinander ziehen, oder am besten gleich ein Ganzkörperkondom benutzen. Diese Szene wirkt wie die verschärfte Variante eines „Paargesprächs“ aus den besten New-York-Komödien Woody Allens. Und die Coens-Reihe komischer Gespräche zwischen komischen Typen wird um einen weiteren eindrucksvollen Auftritt ihres Stammschauspielers John Goodman bereichert, der sich in seiner Rolle als exzentrischer Jazzmusiker über Folksänger und ihre drei Akkorde lustig macht, und Llewyn die Katze als neuen Duopartner empfiehlt. Die Coens-Komik durchstreift einmal mehr ein weites Spektrum von skurril-überdreht bis ätzend staubtrocken (Llewyns Bemerkung über eine A-cappella-Männertruppe), und wandert auch einmal unter die Gürtellinie (der Katze).

Zu meckern gibt es da kaum etwas. Die Coens haben nichts von dem verloren, was ihre Filme – die meisten jedenfalls – seit rund 30 Jahren jedes Mal aufs Neue zu something special macht.


Inside Llewyn Davis - Regie: Ethan Coen, Joel Coen, mit: Oscar Isaac, Carey Mulligan, Justin Timberlake u. a., USA 2013, 105 Min., FSK 6, Kinostart: 5. Dezember 2013.
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