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Kino – 20. November 2013 – Michael Hermann
KRITIK

Es geht ums Essenzielle

Ila (Nimrat Kaur) hat vor, den Nachweis zu erbringen, dass Liebe durch den Magen geht. Sie will mit ihren Kochkünsten ihre Ehe wieder in Schwung bringen. (Bild: © AKFPL)

So gut hat das Essen ja noch nie gerochen: Saajan (Irrfan Khan) erhält nach einer fehlerhaften Auslieferung die Lunchbox, die Ilas Mann zugedacht war. (Bild: © AKFPL)

Briefpost via Lunchbox: Ila (Nimrat Kaur) und Sajaan tauschen täglich Nachrichten aus. (Bild: © AKFPL)

Saajan (Irrfan Khan) steht sich auf dem Weg zur Arbeit in Mumbai die Beine in den Bauch. (Bild: © AKFPL)

Familienrat: Ila (Nimrat Kaur) mit ihrer Mutter (Lillete Dubey) und ihrer Tochter (Yavshi Puneet Nagar). (Bild: © AKFPL)

Griesgram und Gute-Laune-Bär: Saajan (Irrfan Khan, l.) mit seinem designierten Nachfolger als Versicherungssachbearbeiter Shaikh (Nawazuddin Siddiqui, r.). (Bild: © AKFPL)

Ila (Nimrat Kaur) ist mit ihrer Ehe und ihrem Leben nicht glücklich.

Saajan (Irrfan Khan) liest die Nachrichten seiner exzellenten Köchin mit wachsendem Appetit, ähem, Interesse. (Bild: © AKFPL)

Bräutigam Shaikh (Nawazuddin Siddiqui, l.) und Trauzeuge Saajan (Irrfan Khan, r.) haben sich in Schale geworfen. (Bild: © AKFPL)

Was mit Liebe, Sorgfalt und Könnerschaft zubereitetes Essen so alles bei und zwischen Menschen auslösen kann, zeigt das indische Alltagsdrama „Lunchbox“ auf ebenso anrührende wie amüsante Weise – und ohne typische Bollywood-Stilmittel.
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Irrfan Khan gehört zu den größten Stars des indischen Kinos, und warum das so ist, lässt sich in Lunchbox unschwer erkennen. Er verfügt über Präsenz, füllt Szenen aus und kann mit seinem Gesicht die ganze Gefühlsskala vermitteln, ohne große mimische Anstrengungen unternehmen zu müssen. So auch bei der Wandlung des verschlossenen, griesgrämigen Witwers Sajaan zu einem wieder dem Leben zugewandten Menschen.

Sajaan arbeitet bei einer Versicherung in der Millionenstadt Mumbai und steht kurz vor dem Ruhestand. Vorher soll er seinen Nachfolger Shaikh (Nawazuddin Siddiqui) einarbeiten. Shaikhs Übereifer und penetrante gute Laune gehen Sajaan gleich auf die Nerven, sodass er ihn sich möglichst vom Leibe hält und wie gewohnt allein in die Mittagspause geht. 

An dieser Stelle ist nun ein kurzer Exkurs über indische Sitten und Gebräuche fällig: Zigtausende indischer Männer erhalten täglich zur Mittagspause von sogenannten Dabbawallas fünfstöckige Lunchboxen direkt an ihren Arbeitsplatz geliefert, deren köstliche Inhalte ihre Ehefrauen während des Vormittags zubereitet haben. Nachmittags holt der Lieferant die Box wieder ab und bringt sie zur Hausfrau zurück.


Eine warme Mahlzeit vom Feinsten

Durch eine Verwechslung erhält Sajaan nun auf einmal eine Lunchbox mit außerordentlich wohlschmeckendem Speisen, die die dafür verantwortliche Köchin Ila (Nimrat Kaur) eigentlich ihrem Ehemann zugedacht hatte, von dem sie sich schon seit geraumer Zeit vernachlässigt fühlt. Wie die Statistik versichert, kommen solche Verwechslungen einmal in sechs Millionen Fällen vor, weshalb die Prämisse, auf der Lunchbox aufbaut, auch ins Reich der Märchen gehört, was Regisseur und Autor Ritesh Batra unumwunden zugibt. Dabei fällt ein hübscher Gag am Rande ab: Als Ila im späteren Verlauf der Geschichte ihren Lieferdienst wegen der vertauschten Lunchboxen zur Rede stellt, erklärt der Dabbawalla empört, bei ihnen könnten gar keine Fehler vorkommen, denn ihr Service sei schließlich von Harvard-Absolventen geprüft.

Zurück zum Wesentlichen, zum Essen. Nachdem Ila durch die Reaktion ihres Mannes klargeworden ist, dass er ihr Essen gar nicht bekommen hat, will sie trotzdem wissen, wem es so gut geschmeckt haben muss, dass er fünf blitzblank leerverputzte Gefäße zurückgeschickt hat. Also legt sie am folgenden Mittag ihrer nächsten raffinierten Menükreation einen Zettel bei. Und das ist der Beginn einer wunderbaren (Brief-)Freundschaft.

Nachdem es anfangs um die Qualität der Mahlzeiten geht, tauschen sich Sajaan und Ila zunehmend über persönliche Dinge aus, in teilweise seitenlangen Botschaften. Auch die Untreue von Ilas Ehemann kommt dabei zur Sprache. Die beiden nicht sonderlich glücklichen Menschen werden zu gegenseitigen Ratgebern. Schließlich eröffnet Ila Sajaan, dass sie überlegt, mit ihrer Tochter nach Bhutan zu gehen. Bhutan gilt als eine Art Glücksverheißung, seitdem dort das Bruttonationaleinkommen/Bruttosozialprodukt als offizielle Messgröße ausgedient hat und durch das Bruttonationalglück ersetzt wurde. Damit naht auch der Moment, an dem sich Ila und Sajaan entscheiden müssen, ob aus ihrer Korrespondenz mehr werden soll ...


Staubtrockener Humor, deadpan vorgetragen

Mehrwert fürs jeweils eigene Leben haben beide in jedem Fall gezogen. Der sinnliche Genuss des guten Essens und die Vertrautheit mit seiner Briefpartnerin haben Sajaan wieder empfänglicher für die schönen und auch die weniger schönen Seiten des Lebens gemacht. Er lockert seine Reserve gegenüber lauten Kindern und nervigen Mitmenschen und fängt auch an, sich mit Shaikh anzufreunden, denn beide haben inzwischen Parallelen in ihren Lebensgeschichten und weitere Ähnlichkeiten entdeckt. Nicht unbedingt im Humor, denn anders als der mit einem sonnigen Gemüt ausgestattete Kollege bevorzugt Sajaan eher die schwärzere Sorte: Nach all den Jahren des langen, täglichen Stehens in der Bahn habe man ihm nun mitgeteilt, dass das auch im Tod so weitergehen werde, da es nur noch Stehgräber zu kaufen gebe. Und als Shaikh erzählt, er habe von Kollegen gehört, dass Sajaan einmal mit einem Tritt eine Katze vor ein Auto befördert habe, entgegnet dieser staubtrocken und mit unbewegtem Gesicht, es habe sich nicht um eine Katze, sondern um einen Blinden gehandelt.

Da ist gleich noch eine Freundschaft entstanden, und so gibt Sajaan auch den Trauzeugen auf Shaikhs Hochzeit. Entwarnung, es wird jetzt nicht stundenlang gesungen und getanzt! Ähnlichkeiten mit dem dreieinhalbstündigen Schmachtfetzen Sometimes Happy, Sometimes Sad beschränken sich auf den Titel, der die Grundstimmung von Lunchbox recht gut zusammenfasst. Es handelt sich hier nicht um einen typischen Bollywood-Film; Lunchbox wurde als internationale Koproduktion mit indischer Beteiligung gedreht und hat die übliche Spielfilmlänge. In den wenigen kurzen Gesangseinlagen wird ähnlich wie beim chorischen Sprechen auf der Bühne die Handlung kommentiert oder eine Szene vorbereitet, etwa wenn in einem Bus Insassen aus einem Schlagertext singen.

Nicht prächtig ausstaffierte Heldinnen und Helden und ihre überlebensgroßen Gefühle stehen im Mittelpunkt, sondern die Alltagsgeschichte zweier Menschen, die über das mit Hingabe und Könnerschaft zubereitete Essen einen Zugang zueinander finden und ihrem Leben eine Wendung geben – mit offenem Ausgang. Ein passender Schluss für einen sehenswerten Film, dessen vorzügliche Darsteller gleichwohl so viel Interesse an ihren Figuren geweckt haben, dass man schon gerne wüsste, wie die Geschichte weitergeht.


Lunchbox - Regie: Ritesh Batra, mit: Irrfan Khan, Nimrat Kaur, Nawazuddin Siddiqui u. a., Ind/D/F 2013, 105 Min., FSK 0, Kinostart: 21. November 2013.

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