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Kino – 13. November 2013 – Michael Hermann
KRITIK

Die ganz alltägliche Überforderung

Da funktioniert die moderne Musterfamilie noch: Christiane (Christiane Paul) und Konrad (Charly Hübner). (Bild: © Oliver Vaccaro / Kundschafter Filmproduktion GmbH)

Die Töchter Käthe (Paraschiva Dragus) und Emma (Emilia Pieske) beim Kindergeburtstag. (Bild: © Oliver Vaccaro / Kundschafter Filmproduktion GmbH)

Die Eltern Christine (Christiane Paul) und Konrad (Charly Hübner) teilen sich die Kinderbespaßung bei der Geburtstagsfeier auf. (Bild: © Oliver Vaccaro / Kundschafter Filmproduktion GmbH)

Es gehört zu Hausmann Konrads (Charly Hübner) täglichen Übungen, die jüngste Tochter Emma (Emilia Pieske) ins Bett zu bringen. (Bild: © Oliver Vaccaro / Kundschafter Filmproduktion GmbH)

Konrad (Charly Hübner) und Christine (Christiane Paul) suchen nach einem geeigneten Au-pair-Mädchen – müssen aber später feststellen, dass ihre Wahl nicht ganz optimal ausgefallen ist. (Bild: © Oliver Vaccaro / Kundschafter Filmproduktion GmbH)

Konrad (Charly Hübner) kann sich einfach nicht auf seine Theaterarbeit konzentrieren. (Bild: © Oliver Vaccaro / Kundschafter Filmproduktion GmbH)

Christine (Christiane Paul) wollte eigentlich nur in Ruhe telefonieren, aber da ist Emma (Emilia Pieske) davor. (Bild: © Oliver Vaccaro / Kundschafter Filmproduktion GmbH)

Regisseur Konrad (Charly Hübner) versteht sich gut mit Bühnenbildnerin Julie (Maren Eggert). (Bild: © Oliver Vaccaro / Kundschafter Filmproduktion GmbH)

Emma (Emilia Pieske), Au-pair-Mädchen Isabel (Clara Lago) und Käthe (Paraschiva Dragus) müssen etwas unter die Erde bringen. (Bild: © Oliver Vaccaro / Kundschafter Filmproduktion GmbH)

Mutter (Christiane Paul) und Tochter (Paraschiva Dragus) finden wieder einen Draht zueinander. (Bild: © Oliver Vaccaro / Kundschafter Filmproduktion GmbH)

Frische Luft tut gut: Emma (Emilia Pieske), Konrad (Charly Hübner), Käthe (Paraschiva Dragus), Christine (Christiane Paul) und Au-pair-Mädchen Isabel (Clara Lago) beim Spaziergang. (Bild: © Oliver Vaccaro / Kundschafter Filmproduktion GmbH)

Ein Akademikerpaar mit zwei Kindern muss feststellen, dass es gar nicht so leicht ist, die jahrelang eingespielte Rollenverteilung – er Kindererzieher, sie Ernährerin – vorübergehend auszusetzen, weil er wieder seinem Beruf nachgehen will. „Eltern“ von Robert Thalheim ist ein hervorragendes Stück ‚Dramedy‘ mit starker Besetzung.
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„Wir schaffen das schon“ oder „Wir kriegen das schon irgendwie hin“ – nach dieser optimistischen Grundüberzeugung versuchen die Enddreißiger-Eltern Christine (Christiane Paul) und Konrad (Charly Hübner) Familie, Arbeit und Alltag zu bewältigen. Sie ist Ärztin im Krankenhaus und ernährt die Familie, er Schauspieler und Regisseur im vorübergehenden Ruhestand, weil mit der Erziehung der beiden Töchter Käthe (10) und Emma (5) beschäftigt. Eine moderne Musterfamilie, und sympathisch sind sie auch noch: Die Kinder singen im Auto bei subversiven Liedtexten der Goldenen Zitronen lauthals mit.

Als die eingeübten Abläufe ausgesetzt werden müssen, da Konrad ein Engagement erhält und die Nibelungen von Hebbel in einer von ihm selbst bearbeiteten Fassung inszenieren soll, dauert es nicht lange, bis die ganz alltägliche Überforderung und der ganz normale Wahnsinn Einzug halten. Zwar kommt ein Au-pair-Mädchen aus Argentinien, doch die hat, wie sich schnell herausstellt, eigene Probleme: Isabel (Clara Lago) ist schwanger – und will abtreiben. Nachdem die ersten Irritationen verdaut sind, siegt bei Konrad und Christine der altbekannte „Das schaffen wir schon!“-Impuls.


Multitasking grotesk

Doch als nun Verantwortungen neu verteilt werden sollen, zeigt sich, dass die bislang scheinbar so perfekt funktionierende und harmonierende Familie Risse hat. Mutter und ältere Tochter sind sich regelrecht fremd geworden, weil Christine ja so selten da ist – und kochen kann sie auch nicht. Schon nach kurzer Zeit eskaliert die Lage, und Isabel stellt verwundert fest: „Jetzt klingt es hier wie in einer argentinischen Familie“, wenn in der Wohnung alle durcheinander reden beziehungsweise schreien, weil Mutter Christine telefonieren will, aber immer wieder von Emma daran gehindert wird. Und Vater Konrad gibt morgens eine groteske Multitasking-Einlage, als er während des Zähneputzens seine Stückfassung weiter bearbeitet, während von der Seite mal wieder die Jüngste quengelt.

Mit anderen Worten: In der einen Woche Handlungszeit, die der Film umfasst, herrscht das blanke Chaos. Das Zeit- und Terminmanagement zwischen Wohnung, OP-Saal, Spielplatz,  Arztterminen mit Isabel und vor allem Theaterbühne klappt nicht. Konrad droht mit seiner Bearbeitung der Nibelungen ein Waterloo zu erleben, der eitle Star des Theaterensembles wirft ihm „Lindenstraßen-Realismus“ vor. Statt „Wir schaffen das schon“ lautet Konrads Standardsatz nun „Ich kann mich einfach nicht konzentrieren.“ Und dann muss auch noch ein Nachfolger für den verstorbenen Hamster Specky aufgetrieben werden, da sonst das Geheule von Emma gar nicht mehr aufhören würde. Unter all diesem Stress wird dann selbst der Papa manchmal böse mit seinen beiden Goldstück-Töchtern.

Auch zwischen den Eltern kracht es kräftig. Christine wirft Konrad vor, er klinge wie eine Mutter aus den 50er-Jahren, worauf postwendend die Retourkutsche folgt, sie gebe dazu den passenden 50er-Jahre-Mann ab. Und natürlich bleiben die üblichen Techtelmechtel-Verdächtigungen nicht aus. Sie glaubt, er habe etwas mit Bühnenbildnerin Julie (Maren Eggert), er glaubt, sie habe etwas mit einem Arztkollegen. Die Musterfamilie ist erst einmal dekonstruiert.


Filmischer Realismus ohne falsche Töne

Robert Thalheim, der zusammen mit Jane Ainscough das Drehbuch schrieb, hat Eltern sehr gut ausbalanciert und mit nahezu perfektem Timing zwischen Drama und Komödie inszeniert. Kaum eine Szene ist zu lang geraten ist oder hat einen falschen Ton, selten klingt ein Satz wie aufgesagtes Drehbuch-Deutsch. Man nimmt den Figuren ab, was sie sagen, tun und lassen. Einen blinden Fleck der Geschichte könnte man bemängeln: Großeltern, die sich üblicherweise gerne mal um die Kinder ihrer Kinder kümmern, oder andere Verwandte kommen nicht vor.

Gleichwohl gehört Thalheims Film in eine Reihe mit den besten Arbeiten von Andreas Dresen und Hans-Christian Schmid, die es ebenso vortrefflich verstehen, Alltagsgeschichten intensiv und lebensecht in Szene zu setzen. Dass Eltern einen so überzeugenden Eindruck hinterlässt, ist nicht zuletzt auch ein Verdienst der durchweg ausgezeichneten Besetzung. Die alte Regel, wonach nur verlieren kann, wer mit Kindern und Tieren vor die Kamera geht, erfährt hier jedenfalls keine Bestätigung. Nun hat der Specky-Hamsterersatz auch zu wenige Auftritte zum Schau-stehlen, doch die beiden Kinderdarstellerinnen Paraschiva Dragus (Käthe) und Emilia Pieske (Emma) sind schon ein Pfund, an dem sich Charly Hübner, der in Polizeiruf 110 ebenfalls mit zwei Filmkindern gesegnet ist, und Christiane Paul, im richtigen Leben Dr. med. und zweifache Mutter, allerdings nie verheben – auch wenn Emilia Pieske als Nerv- und Quengelkind wirklich eine ziemlich großartige Vorstellung gibt.

Den Schauspielern gelingen wahrhaftige und teilweise berührende Szenen – etwa bei der Versöhnung zwischen Mutter und älterer Tochter – aus dem ganz normalen Wahnsinn der andauernden täglichen Überforderung. Und wie es sich in so einem Fall gehört, bleibt das Ende offen, nährt aber die Hoffnung, im Lichte der gerade gemachten Erfahrungen noch einmal auf Anfang stellen zu können.


Eltern - Regie: Robert Thalheim, mit: Charly Hübner, Christiane Paul, Parashiva Dragus u. a., D 2013, 99 Min., FSK 0, Kinostart: 14. November 2013.

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