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Kabarett – 20. Februar 2017 – Klaus Torsy
KRITIK

Klar darf man das sagen

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Max Uthoff lieferte im Bonner Pantheon eine fulminante Gegendarstellung. (Bild: Michel Neumeister)

Messerscharfe Analysen und bittere Pointen zum Zustand der deutschen Gesellschaft im Wahljahr: Max Uthoff präsentierte seine „Gegendarstellung“ im Bonner Pantheon. Politisches Kabarett erster Güte.
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Wussten Sie’s schon: Der Kapitalismus hat in den letzten beiden Jahrzehnten nur eine technische Innovation hervorgebracht: die sozialen Medien. Bei denen es neben ein bisschen Engagement, Selbstbespiegelung und Eitelkeit um das millionenfache Klicken von Katzenvideos geht. Umso erstaunlicher das allgemeine Erstaunen, dass nun ein ausgewiesener Narziss zum Präsidenten gewählt wurde.

So viel zur Wahl Donald Trumps. Mit Assoziationen dieser Art legt Max Uthoff den Finger in die Wunden unserer Wirklichkeit. „Gegendarstellung“ heißt das laufend aktualisierte Programm, mit dem er durch Deutschland tourt, wenn er nicht gerade in der ZDF-„Anstalt“ arbeitet. Während er dort mit Claus von Wagner und Gästen das kabarettistische Ensemblespiel meist rund um ein Kernthema wiederbelebt hat, bietet der Solo-Abend Gelegenheit für den großen Rundumschlag.

Zum Auftakt serviert Uthoff mit dem Megafon Gewissheiten, die uns Tag für Tag medial entgegenschallen: "Wer immer wieder dasselbe sagt, hat Recht." Oder, konkreter: "Volker Kauder ist ein guter Christ." Oder, pauschal von der Straße: "Das wird man ja wohl mal sagen dürfen."

Aber wer ist diese Figur, die dort ganz allein und, abgesehen von der Flüstertüte, ganz ohne Requisiten die Bühne ausfüllt? In schwarzem Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte? Eine Art diabolischer Anwalt der Wahrheit, ein rhetorischer Scharfrichter. Sein gewetztes Messer ist die Sprache, die gnadenlos alles Unechte und Unwahre angeht, auf dass denen ohne Macht und Auskommen die Augen geöffnet werden.


Monties mit Ahornsirup

Beispiel Ceta, das europäisch-kanadische Freihandelsabkommen. Die Deutschen, so Uthoff, glaubten, Kanada sei ein Land voll verschneiter Weiten, mit freundlichen Mounties als einzigen Einwohnern, die in ihren roten Uniformjacken im Tiefschneewald stehen und den ganzen Tag freundlich lächelnd das Gehörn ihres Lieblingselchs mit Ahornsirup einbalsamieren. Gibt es eine schönere Umschreibung für ein Handelsabkommen, das größtenteils hinter verschlossenen Türen fernab der Öffentlichkeit ausgehandelt wurde?

Was Uthoff in mehr als zwei Stunden darbietet, bewegt sich auf einem durchgehend überragenden sprachlichen Niveau. Dabei variiert er immer wieder sein geschliffen scharfes Instrumentarium: von leiser Ironie, gern mal augenzwinkernd oder hinterhältig garniert, zum plumpen Kalauer, von der entlarvenden Analyse bis zur sarkastisch bitterbösen Pointe – das rhetorische Repertoire und die Abfolge der Hiebe dulden kein Abschweifen.

Am schönsten wird es dort, wo der Münchner Uthoff sich die bayerischen Landsleute von der CSU vornimmt. Der Unterschied zwischen Trump und Seehofer? Trump spreche besser deutsch. Dafür erfreue uns Seehofer regelmäßig mit seinem „Ideen-Tourette“. Verkehrsminister Alexander Dobrindt? „Der größte Woody-Allen-Fan der Stadtsparkasse Sindelfingen“. Dobrindt und Söder? Ein Fanal der Inklusion, pardon: Integration.


Der überforderte Typ mit dem Postschaltergesicht

Freilich ergeht es den übrigen Verdächtigen der Parteieinlandschaft, auch außerhalb Bayerns, nicht besser. Martin Schulz, Kanzlerkandidat und Hoffnungsträger der SPD? „Der hoffnungslos überforderte Typ mit dem Postschaltergesicht.“ Sei staatstragend mitverantwortlich bei Abbau sozialer Gerechtigkeit in Deutschland und Europa, siehe die Austeritätspolitik gegenüber Griechenland. Sigmar Gabriel? Der Einzige, „der in einer Win-win-Situation verliert“. Die Grünen? Wollten bald an den Trögen der Macht mitnaschen mit einer Travestienummer namens Vermögenssteuer. Schon heute reine Verhandlungsmasse.

Und die CDU? Angela Merkel werde trotz allem erneut das Rennen um die Kanzlerschaft machen. Die Kritik, sie betreibe Politik gewissermaßen nur auf Zuruf, ist schnell erklärt: Als Physikerin wisse Merkel alles über träge Massen. Nach einer Phase des Impressionismus, also Flüchtlingskrise, in den vergangenen Jahren sei die Kanzlerin nun wieder im Biedermeier angekommen. Schlussfolgerung des Bürgers: An der Spitze ist jemand, der keine Ahnung hat – so wie ich. Das schaffe Vertrauen.

Das ist wichtig in diesen so unsicheren Zeiten, wo die bundesrepublikanische Wirklichkeit seit geraumer Zeit nur noch zwei Themen kennt: Flüchtlinge und innere Sicherheit. Kein Wunder also, wenn alle Parteien im Wahljahr bei der AfD hausieren gingen. Für Uthoff jedoch ein Trugschluss, schließlich drücke die AfD keinen Protest aus, sondern die Weigerung, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Das Programm der Partei sei so neoliberal, dass die FDP dagegen wie eine marxistische Splitterpartei wirke.


Hund verkaufe, selbä belle

Nach seinen vorherigen Solo-Programmen „Sie befinden sich hier!“ und „Oben bleiben“ spielt Max Uthoff längst in einer Liga mit anderen Größen des Wortkabaretts wie Georg Schramm (a. D.) oder Volker Pispers. Seine Kritik des Kapitalismus, speziell des Neoliberalismus, zeigt, dass er – im Gegensatz zu manch anderem Satiriker mit öffentlich-rechtlicher Sendezeit – den politischen Gegner nicht dort sucht, wo man die Opfer dieser religionsgleich betriebenen Ideologie findet.

Um den Dämon der Staatsverschuldung, typisch für den Neoliberalismus, zu entlarven, ruft Uthoff ausgerechnet die Kronzeugin von Schäubles schwarzer Null in den Zeugenstand. Hier könne nur ein „absolut reines Wesen, ein Engel“ helfen. Der steigt zu uns herab in Gestalt der schwäbischen Hausfrau. Glasklar: Ein völlig absurder Vergleich von privaten und Staatsausgaben, der aber das Gefühl der Menschen anspreche und somit verfange. Getreu dem Motto: „Hund verkaufe, selbä belle.

Um mit der europäischen Sparpolitik gleich noch die Theorie der rationalen Erwartung zu zerpflücken, wonach Konsumenten dann Geld ausgeben, wenn der Staat eine „solide“ Finanzpolitik betreibt und der Einzelne auf Steuererleichterungen hofft. Wir sehen sie vor uns, die schwäbische Hausfrau am Gemüsestand: „Die Bio-Tomaten sind aber teuer.“ Dann überschlagend: Mit den Kürzungen im Gesundheitsbereich, einer Zeit der Konsolidierung und dem Abschmelzen der kalten Progression ist ein Plus von 11 Prozent im Geldbeutel wahrscheinlich. Fazit: „Ich nehm‘ sie.“

Uthoff kritisiert das soziale Klima, wenn seit Umsetzung der Agenda 2010 die Arbeitslosen und Hartz-IV-Bezieher zum Feindbild der Mittelschicht gemacht werden, um den Blick nach oben zu den Besitzenden zu vernebeln. Hinzu kommen: keine Lohnungerechtigkeit, kein Durchlässigkeit zwischen den sozialen Schichten. Sein Befund: Unsere Gesellschaft verroht. Und die Medien? Als Aufklärer ein Totalausfall.

Umso schöner, dass Max Uthoff neben manch praktischem Tipp auch tröstende Worte findet. Selbst wenn Deutschland alle 60 Mio. Flüchtlinge dieser Erde aufnehmen würde, hätten wir noch nicht die Bevölkerungsdichte Hollands. Das wird man ja wohl mal sagen dürfen.

Die "Gegendarstellung" darf man sagen, in dieser Klarheit allemal. Im ausverkauften Pantheon gab es dafür großen Applaus.


Max Uthoff: Gegendarstellung. Pantheon, 16. Feb. 2017.
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