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Ballkultur – 13. November 2012 – Klaus Torsy
BALLKULTUR

Der Kalenderjahr-Kießling

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Auf der Suche nach immer neuen Rekorden haben Fußballreporter ihn längst im Visier: den besten Torschützen. Inzwischen auch „saisonübergreifend“ oder „im Kalenderjahr“.
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Vorweihnachtszeit ist Kalenderzeit: Der Büroartikelmarkt unseres Vertrauens bietet die neuen für 2013 schon seit Ende September mit dem ersten Spekulatius feil. Und Ex-Verbandspräsidenten schreiben Bücher: Epochal aufgemotzt („Die Zwanziger Jahre“), im Schaufenster jedoch schlecht platziert. Zu selten durchgelüftet, mufft es stark nach gekränkter Eitelkeit. Muss man nicht lesen. Ist aber doch für einen guten Zweck. Selbst dann nicht.

Bestenfalls hat es mit der jahreszeitbedingten Schwemme an Kalendern zu tun, dass der Begriff Kalenderjahr seit Neuestem sein Unwesen im Fußball treibt. Dabei gilt hier seit Menschengedenken die Zeiteinheit Saison, weshalb Fußballreporter inzwischen vermehrt die Umschreibung „saisonübergreifend“ nutzen. In dieser Logik sind die acht Treffer nach elf Spieltagen von Bayerns Topscorer Mario Mandzukic – erstaunlich genug für einen Neueinkauf in München – nichts mehr wert. Denn ermessen lässt sich diese Leistung offenbar nur, wenn man seine Tore von vorher irgendwie mit einbezieht. So hören wir, dass Mandzukic „saisonübergreifend“ bereits 20 Tore erzielt hat. Also seit Beginn der Saison 2011/2012. Damals noch für den VfL Wolfsburg.

Diese Information hilft natürlich denen, die alle Torschützen der vergangenen Saison mit all denen aus dieser vergleichen möchten. Will das jemand so genau wissen? Da hat sich offenbar eine gewaltige neue Sprachblase mit zweifelhaftem Erkenntnisgewinn etabliert, die sich zudem bereits in hartem Wettbewerb mit dem bereits angesprochenen „im Kalenderjahr“ befindet. Wie viele Tore etwa Stefan Kießling von Bayer Leverkusen in dieser und der letzten Saison geschossen hat, ist nämlich mittlerweile auch schon wieder nebensächlich. Wirklich wichtig ist, wie viele er „im Kalenderjahr“ 2012 erzielen konnte, nämlich 13 in der Rückrunde der vergangenen Saison und 7 in dieser, macht ebenfalls 20 insgesamt. Also Kießling vor Mandzukic, „im Kalenderjahr“ vor „saisonübergreifend“. Alles klar?

Kießling und Mandzukic können gar nichts dafür. Die Oma nannte das früher „Äpfel mit Birnen vergleichen“. Zu was das heute gut ist? Für mehr „Meldungen“, „Nachrichten“, „News“ – mit einem Wort: Sensationen. Denn damit sind wir bei dem, was die Berichterstatter leisten sollen, damit sich ihre Blasen besser verkaufen: Emotionen wecken. Meist verwechseln sie dies mit Emotionen schildern. Gut, man kann nicht alles haben.

Schließlich haben es Fußballreporter nicht leicht. Seit der Zulassung der Privatsender Mitte der 80er Jahre hat sich der Wettlauf um die jeweilige Top-Meldung rasant verschärft. Das Problem im Tagesgeschäft der Reporter: Im Gegensatz zu ihrer Zahl hat sich die Menge der Informationen, über die sie berichten können, nicht vergrößert – nicht die Dauer eines Spiels, die Anzahl der Vereine in der Liga noch die der Spieler je Mannschaft.


Ebenso dabei: der Ballbesitz und die „verrückte Liga“


Also sind immer neue Verrenkungen gefragt, um die eigene Meldung auf den Titel zu hieven. Umso besser, wenn sie sich den Anstrich von Fachwissen geben können. Seit den Zeiten Louis von Gaals nötigen Berichterstatter die Fußballfans, sich mit dem Ballbesitz auseinandersetzen: Je länger eine Mannschaft den Ball führe, desto überlegener sei sie ihrem Gegner. Komisch nur, dass oft genug auch Mannschaften mit weniger Ballbesitz ein Spiel gewinnen. Bei der Partie Bayern München gegen Bayer Leverkusen verzeichneten die Münchener 68 Prozent Ballbesitz, verloren das Spiel aber 1:2 Toren. Noch komischer, wenn sich dieselben Reporter dann über so etwas wundern. Mit Ballbesitzzeiten in Prozentwerten hätte man einem Rolf Kramer beim Live-Spiel mal kommen müssen. Seinerzeit kamen die Fernsehzuschauer höchstens „jetzt gerade von der Arbeit“ und erfuhren, wie es steht, und einer der Standardsätze lautete: „Sie haben bislang nicht viel verpasst.“

In derselben Schublade wie „saisonübergreifend“ und „im Kalenderjahr“ lümmelt sich das Wort von der „verrückten Liga“. Nur weil der Ball im Tor gegenüber landet, ein Spiel anders verläuft, als erwartet. Aber weil Fußball so unberechenbar ist, schauen wir ja hin. Unerwartet ist jedoch nicht gleich verrückt, außer vielleicht im Schaufenster. Also warten wir auf die nächste, noch tollere Torjägerstatistik – kalenderjahrübergreifend versteht sich.

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