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Ballkultur – 17. September 2012 – Klaus Torsy
BALLKULTUR

Dein Weg nach Borrdò

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(Bild: Deutschlandstiftung Integration)

Was das Missverständnis einer sächselnden Flugbucherin mit der Integrationsaktion der Bundesliga vom Wochenende zu tun hat.
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Halb Deutschland trocknet sich dieser Tage die Augen – wegen der Geschichte einer Sächsin, die telefonisch einen Flug nach Porto buchen wollte. Die Mitarbeiterin des Reisebüros verstand jedoch Bordeaux, trotz wiederholter Nachfrage auf Hochdeutsch, und verschickte ein unerwünschtes Flugticket. Der unvermeidliche Rechtsstreit wurde zugunsten des Reiseunternehmens entschieden, das gegenüber der Fluglinie für den Betrag des nichtangetretenen Fluges in der Pflicht stand.

Am Wochenende haben die Deutschlandstiftung Integration und die Bundesliga ein Zeichen gesetzt für mehr Integration, mehr Toleranz, mehr Miteinander und überhaupt. Bundeskanzlerin und Schirmherrin Angela Merkel sagte: "Fußball ist ein Integrationsmotor. Die Initiative ermutigt Migranten, ihren Weg zu gehen."

Um den Mut der Migranten nachhaltig anzustacheln, haben sich alle 18 Bundesligavereine „geschlossen“ zu der Aktion bekannt. Damit die Post so richtig in Richtung Integration abgeht, haben Clubs und Sponsoren außerdem eine ihrer heiligsten Kühe geschlachtet, zumindest für einen Spieltag, und auf die Trikotwerbung verzichtet. Dafür prangte der Slogan der Aktion „Geh‘ Deinen Weg“ von den Brüsten der Spieler.

Und auf dass nun aber auch wirklich jeder seinen ganzen Mut zusammenpacken und sich auf seinen Weg machen kann, zierte das Motto sogar die Spielbälle. Auf die schauen gerade Migranten ja besonders oft, wenn sie Fußball schauen. Selbst die Stadionsprecher, ein ansonsten für seine Eigenbrötlerei bekanntes Völkchen, „würdigten die Aktion mit einer Sonderansage“, melden die Initiatoren. All das hat gutgetan.

Früher, auf dem Ascheplatz, da brüllte der Jugend-Trainer regelmäßig: „Geh! Geeh! Geeheeeh!!!“ aufs Spielfeld, wenn sich plötzlich eine Lücke in der gegnerischen Abwehr auftat – und sein Angreifer, dieser staksige, eher ungelenke Typ, sein unverhofftes Glück kaum zu fassen wagte, mit dem Ball am Fuß noch für einen Sekundenbruchteil zögerte, dann ein zwei Schritte machte und sich, in Ermangelung jeglicher Gegenwehr, endlich für den Sololauf aufs Tor entschied. Nach einer gefühlten Ewigkeit für alle Sympathisanten und Offiziellen draußen. Was dahintersteckte, war, um es mal kumpelhaft auszudrücken: die Ambivalenz von individueller Welttheorie und gesellschaftlicher Realität, von Ich und Du, von Plitsch und Plum, von Angela und Merkel.

Insofern hat die Integrationsaktion eine Ur-Szene des Bolzplatzes erfolgreich verwurstelt. Selbst die Bundeskanzlerin ließ es sich nicht nehmen, persönlichen Einsatz zu zeigen: Beim Spiel des BVB gegen Bayer Leverkusen saß sie auf der Ehrentribüne, schrieb ihren Namen mit schwarzem Edding auf schwarze BVB-Bierbecher, die ihr von verzückten Integrationsaktionsbegeisterten hingehalten wurden, und sprang gar jubelnd auf beim 1:0 für Dynamo Dresden durch Mats Hummels. Um sich gleich darauf ob ihres Irrtums verschämt die Hand vor den gebogenen Mund zu halten und sich bei ihrem Initiativen-Kollegen Reinhard Rauball zu erkundigen: „Dann sind die Weißen auch gar nicht Hertha?!“

Was das alles mit der verhinderten Porto-Urlauberin zu tun hat? Den Mittelteil: In beiden Geschichten redet die eine Heldin an der anderen vorbei. Was der einen ihr Porto, ist der anderen ihre Integration; was der einen ihr Bordeaux, der anderen ihr Fairplay. Denn mitnichten ist es ja so, dass es „kein besseres Vorbild für gelebte Integration als den Fußball“ gibt, wie die Kampagne vollmundig verheißt. Weder auf dem Platz noch auf den Rängen oder außerhalb, denken wir an die verbalen Verunglimpfungen unter Spielern, an attackierte Fan-Busse oder an die Warnungen von Kennern der Fanszene vor möglichen Ausschreitungen in der Jubiläumssaison. Insofern wirkt die Initiative allenfalls wie eine vorauseilende Beschwörung mit den üblichen putzigen Showelementen.

"Wir wollen, dass jeder in diesem Land seinen Weg gehen kann, egal wo er herkommt, egal welcher Religion er ist", hat die Bundeskanzlerin vor dem Spiel in Dortmund noch erklärt. Zukunft ist für alle gut, ließe sich nahtlos hinzufügen, ohne das Niveau des Kanzlerinnensatzes zu senken.

Übrigens: Das Motto "Geh’ Deinen Weg" wurde im Zuge der Öffentlichkeitsarbeit in 19 Sprachen übersetzt und auf Facebook und Konsorten in „nahezu allen deutschen Dialekten“ (!) gepostet, rühmt sich die Initiative. Nur ein deutscher Stamm, der musste wohl draußen bleiben. Und so rufen wir ihm angesichts aller Widerstände in Reisebüros und Stadien aufmunternd zu: Geh‘ Deinen Weg – nach Borrdò!

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