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Ausstellung, Literatur – 14. Februar 2011 – Julia-Rebecca Riedel
KRITIK

Die Welt als Modell

Susanne Kutter: Trilogie der Illusionen, Videoinstallation und Modelle 2010. (Foto: Carsten Gliese)

Maurice van Tellingen: Natural culture or cultural nature, 2010. (Foto: Carsten Gliese)

Ina Weber: Bus Shelter, Begehbare Skulptur 2010. (Foto: Carsten Gliese)

Markus Zimmermann: Büro Bonn, mehrteilige Rauminstallation 2010. (Foto: Sebastian Glatz)

Miks Mitrevics: Silence auf the walls, zweiteilige Rauminstallation 2010. (Foto: Carsten Gliese)

Oder: "Es ist kein Traum!" Über das Kafkaeske in der Kunst. Der Katalog zur "update"-Ausstellung ist erschienen.
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Die Wand hat die Augen geschlossen, sie sieht nicht, sie sieht vielleicht sogar bewusst nicht. Sie betrachtet auch nicht, sie entzieht sich vielleicht sogar bewusst dem Betrachtenmüssen. Sie will nicht wahrnehmen, was in ihrem Gegenüber geschieht. Die Wand will nicht sehen, hält die Augen geschlossen, kann sich jedoch nicht dem eindringenden Betrachter, dem Kunstvoyeur, entziehen. Er – der Eindringling – nimmt die dichten Wimpernreihen der geschlossenen Augen der Wand wahr, spürt die stille Zurückhaltung ihrerseits und ist beinahe ergriffen.

Er versucht einen Schritt auf sie zuzugehen, so menschlich und zugleich unwirklich kommt sie ihm vor. Die Wimpernkränze auf der Wand erscheint ebenso surreal, wie die Bürste inmitten der Wände – mitten im Raum – aus der langes, dichtes Haar wächst und Menschsein bzw. an Rapunzel erinnernd, märchenhaft-träumerische Intimität suggeriert. Dabei ist diese Modellstudie menschlich entleert. Das Modell sieht nicht, es fühlt nicht, es ist körperlos und dennoch Abbild menschlichen Seins.


Die Präzision des Begriffs "Modell"

Modelle wirken als elementarer Bestandteil in unsere Lebenswelt hinein. Sie bilden die Wirklichkeit verkürzt-pragmatisch ab, bestimmen Funktionalität und Verhältnis zur Lebenswelt, setzen Maßstäbe und schaffen Präzedenzfälle der Wirklichkeitsbefragung. "Ein einzelnes wissenschaftliches [künstlerisches] Modell kann im Erfolgsfalle (...) die Verschiebungen im herrschenden Weltbild bewirken.", so der Philosoph und Physiker Ulrich Dirks. Kunst ist im Stande das herrschende Weltbild zu verändern, das führen die Kunst updatenden Künstler eigenwillig-phantastisch vor. Sie schaffen Präzedenzfälle, treffen Grundsatzentscheidungen, definieren Kunst neu, entwickeln Kunst weiter. Die ausgesuchten Künstler der Montag Stiftung in Bonn bemühen sich um die Ausgestaltung und Präzision des Begriffes "Modell" in ganz eigenwilliger, phantastischer Weise.

Im Herbst 2010 waren Objekte von Stefan Eberstadt, Clemens Botho Goldbach, Susanne Kutter, Miks Mitrevics, Maurice van Tellingen, Ina Weber, Markus Zimmermann und Edwin Zwakman in der so genannten „Baracke“ neben dem Stiftungsgelände zu sehen. Nun ist im Verlag für moderne Kunst Nürnberg der Katalog zur Ausstellung „update – Die Welt als Modell“ erschienen. Auf wunderbar unaufgeregte und stille Weise versammelt er Ansichten der Werke, die speziell für die Ausstellungsräume geschaffen wurden. Sie alle widmeten sich der Frage, was Modelle für die Lebenswirklichkeit des Menschen im Allgemeinen und für die Kunst im Besonderen bedeuten.

So klimperten in der aus den 1950er Jahren stammenden Bonner "Baracke" nicht nur die Wände mit den Wimpern und forderten dazu auf, Bekanntes neu zu überdenken, sondern nahmen mit Objekten wie Bus Shelter und Physical Instrument die ehemaligen Büroräume in den Fokus. Dabei entwickelten sie jeweils individuelle Strategien und Konzepte, um den künstlerischen Umgang mit Modellen sichtbar zu machen. Die von der Montag Stiftung eingeladenen Künstler verwandelten den Bürobau in eine Art Entwicklungszentrum, machten Möglichkeiten und Grenzen von Modellen in besonderer, nahezu aufwühlender Weise sichtbar.


Warum Abbilder schaffen?

Wesentlich für den Modellbau sind neben Fragen der Abstraktion auch Fragen nach Maß und maßstabgetreuer Abbildung von verschiedenen Wirklichkeiten, wie beim Durchblättern des ungewöhnlichen Katalogs zu entdecken ist. Vielfach geht es um Kleinigkeiten, um unübersehbare Details, die den Betrachter erst auf den zweiten, dritten Blick in den Bann nehmen:

So lies Stefan Eberstadt ein begehbares Labyrinth aus Trockenbauelementen in der „Baracke“ entstehen, das mit dem Ende der Ausstellung dorthin verschwindet, wo es her kam: in die Presse. Es ist vielleicht das Modell der Vergänglichkeit schlechthin. Vanitas schweigt dem geneigten Betrachter dieses sich nur nackter Wände und Baulicht bedienendem Modell entgegen.

Clemens Botho Goldbach hingegen weist mit seinem Modell der sich an die „Baracke“ anschmiegenden Ruine auf einen vormodernen Topos der architektonischen Kunst hin, der zum einen Abbild vergangener Erhabenheit, zum anderen Zeugnis zukünftiger Zerstörung und Endlichkeit ist. Goldbach schafft es, Erinnerung und Mahnung in einem Modell zu vereinen. So auch Maurice van Tellingen, der das neuralgische Verhältnis von Natur und Zivilisation fokussiert und präzis-poetische Raumsituationen schafft, die überdauern.

Ebenso beklemmend wie befreiend wirkt dagegen Susanne Kutters Video-Modell einer maroden Zimmerlandschaft, die wie Eberstadts begehbares Labyrinth vom Motiv der Vergänglichkeit beherrscht wird. Ihr Modell transportiert das Kafkaeske der Kunst aus der Modellstudie heraus, offenbart: „Es ist kein Traum!“ Es geht ihr um die persönliche Erinnerung und das Verfolgtwerden von der Erinnerung im Geiste, im Gedächtnis, um das Nicht-aus-seiner-Haut-können.

Um Rekonstruktion der Welt aus dem Gedächtnis geht es auch Edwin Zwakman – jedoch diametral entgegengesetzt zum Modell Kutters – mit seinen beiden Abbildungen von tatsächlichen Modellen, die er auf einer Asienreise fotografierte. „Regal I: Aquarium“ und „Regal II: Möbel“ sind Abbildungen vorgefundener Modellstücke und weisen sich auf diese Weise selbst als Modelle aus, indem Zwakman den Betrachter förmlich in eine Stilllebenszenerie hineinnimmt. Allen gemein ist die Frage des "Warum abbilden? Warum Modelle?"


Die Antwort: Befriedigung

Befriedigung spürt der Betrachter vor allem innerhalb des kafkaesken Modells Susanne Kutters, das sich in drei Stufen vollzieht und in der Faszination des Zugrundegehenmüssens mündet. Insekten sind ihr dienliche Metaphern, um Verwandlung, Täuschung und Falle des Menschen darzustellen. Zunächst bewegt sich eine Kakerlake durch den im Modell stark verkleinerten, von einer Kamera erbarmungslos in den Blick genommenen Raum, wirkt hühnenhaft-poetisch. Sie erinnert an Gregor Samsa, Hauptfigur in Franz Kafkas Schlüsselwerk „Die Verwandlung“, und lässt den Betrachter mit Gregor Samsa ausrufen: „Es ist kein Traum!“

Im zweiten Video nimmt Kutter die Täuschung des Menschen in den Blick: Ein überdimensionierte Falter symbolisiert den Menschheitstraum vom Fliegen, berührt mit seinen Flügeln vertraute Verhaltensweisen und Erklärungsmuster, bis er am Ende still, nahezu auf der Wand klebend, zur Ruhe kommt, nur um dann doch wieder ins Licht zu flattern.

Das dritte Video visualisiert die Falle, in die der Mensch tappt, indem er sich Neugierde und Lust hingibt. Voller Befriedigung hört der Betrachter die Spinne förmlich schmatzen, wenn sie die munteren Fliegen erwischt, die ihr „zu nahe tretend“ mit ihrem Schicksal spielen. Susanne Kutters Insekten sind Metaphern für den begehrenden Menschen, der, wie Kafkas Gregor Samsa, der Spinne (dem Tod) ins Netz gehen muss, da er den vertrauten Verhaltensweisen und Erklärungsmustern nicht entkommen kann: „Es ist kein Traum!“


Modell und Wirklichkeit

Die Frage, die sich der Betrachter eines Katalogs stellen muss, von dem er weiß, sie – die Kunst – existiert in der ausgestellten Form nicht mehr, ist die nach dem Verhältnis von Modell und Wirklichkeit. So ist die Bushaltestelle – Bus Shelter –, die Ina Weber erschaffen hat, Verhältnis der Wirklichkeit zum größeren Kontext. Bus Shelter ist „ein liebevoller Übertragungsvektor für Größe, Maßstab und Verwendung“, so Kiron Khosla. Oder anders: Bus Shelter ist das Modell einer im englischen Brighton stehenden Bushaltestelle und dessen, was dort „abgeht“, von Teenager-Sex bis hin zum schlichten Warten auf den Bus, Müllhalde und Liebesnest gleichermaßen.

Aber ist das Kunst? Es ist ein Modell der Wirklichkeit, transportiert in einen ihr – der Wirklichkeit – fremden Rahmen: Modelle bevölkern unsere Lebenswelt und die Ausstellung update macht den Gedanken, der Mensch bewege sich in einer Modellwelt, überdeutlich. So nimmt es nicht Wunder, dass Miks Mitrevics mit seiner zweiteiligen Rauminstallation Silence of the Walls genau dieses Phänomen, das der Modellhaftigkeit unserer Lebenswirklichkeit, in den Blick nimmt oder auch nicht. Schließlich hält die Wand die Augen ja vehement geschlossen und karikiert die Merkwürdigkeit der Situation, die sie abbildet, gleichermaßen.

Den Katalog, der nun seinerseits modellhaft wirkt und einen Versuch darstellt, die Wirklichkeit maßstabsgetreu abzubilden, auf sich wirken zu lassen ist ein großes Vergnügen. Für den, der das Glück hatte, die Ausstellung in der „Baracke“ im vergangenen Jahr zu sehen, eine wunderbare Erinnerung an die gesammelten Eindrücke. Mit der beigefügten DVD mit Interviews der Künstlerinnen und Künstler wird er zu einer Bereicherung für jedes ambitionierte Bücherbrett in der Wirklichkeit des heimischen Wohnzimmers.

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