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Ausstellung – 05. Oktober 2012 – Jürgen Hermann
THEMA

Alterswohnsitz eines Staatsmannes

Eine Vielzahl von Exponaten zeigt das Willy-Brandt-Forum Unkel. (Foto: Klaus Torsy)

Mit Gitarre und Zigarette: der Bürger Willy Brandt. (Foto: Klaus Torsy)

Bildnis von Brandts Kniefall in Warschau im Dezember 1970. (Foto: Klaus Torsy)

Originalgetreu rekonstruiert: Willy Brandts Arbeitszimmer. (Foto: Klaus Torsy)

Zum 20. Todestag des Politikers und Friedensnobelpreisträgers: Ein Besuch im Willy-Brandt-Forum in Unkel am Rhein.
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Überschaubar und lauschig ist er, der kleine rheinland-pfälzische Weinort südlich von Bonn. In Unkel verbrachte Willy Brandt die letzten dreizehn Jahre seines Lebens. Sofern er nicht irgendwo in der Welt umherreiste und sich um Aspekte der Nord-Süd-Problematik kümmerte oder Ehrungen entgegennahm, wohnte er zunächst in einem Mehrfamilienhaus beim Ortszentrum und später in einem Haus am Rheinufer.

Legendär ist die Anekdote, wonach Michail Gorbatschow 1992 den bereits todkranken Brandt besuchen wollte. Unangemeldet. Als er über die Haussprechanlage seinen Namen nannte, vermutete Ehegattin Brigitte Seebacher – die Auswahl der Besucher streng überwachend – einen Scherz und ließ die Tür ungeöffnet. Der einstige Kremlführer aus Moskau musste abreisen, ohne Brandt gesehen zu haben.

Heute ist dieses Haus in der ruhigen Wohnstraße Auf dem Rheinbüchel in privatem Besitz. Die SPD zeigte nach Brandts Tod kein Interesse an einem Erwerb, worauf es auf dem freien Immobilienmarkt angeboten wurde. Eine Gedenktafel am Eingang weist immerhin auf den berühmten Vorbesitzer hin.


Dokumente eines Lebens für die Politik


Seit 2011 kommen Willy-Brandt-Fans in Unkel dennoch auf ihre Kosten: Mitten im Ortskern wurde ein Museum für den einstigen Mitbürger eröffnet. Ministerpräsident Kurt Beck reiste hierzu ebenso in den Weinort wie Spaniens früherer Regierungschef Felipe González, den Brandt bereits zu Zeiten der Franco-Diktatur, als illegalen sozialistischen Aktivisten, unterstützt hatte.

Das ansprechende, interessant gestaltete und mit einer Vielzahl von Exponaten ausgestattete Willy-Brandt-Forum verdeutlicht die Eckpunkte von Brandts politischem Leben. Nach Jahren des Exils in Norwegen wurde er SPD-Vorsitzender, Regierender Bürgermeister von West-Berlin und Regierungschef in Bonn. „Mehr Demokratie wagen“, lautete das Motto des ersten sozialdemokratischen deutschen Kanzlers seit der Weimarer Republik. Seine unter den Deutschen seinerzeit keineswegs unumstrittene Ostpolitik würdigte man 1971 mit dem Friedensnobelpreis.

Unvergessen sind Willy Brandts Kniefall vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos und auch, nach der Kanzlerschaft (1969 bis 1974), seine Tätigkeit an der Spitze der Nord-Süd-Kommission, die ihn zu einem rastlosen Weltreisenden machte. Früh erkannte der Deutsche die sich verstärkende Kluft zwischen der nördlichen und der südlichen Halbkugel und bemühte sich um Ausgleich und Dialog. Folglich sind viele Gastgeschenke in dem Forum zu sehen, darunter ein weißer Schal des Dalai-Lama.


Das Arbeitszimmer eines Nobelpreisträgers


Die Dauerausstellung in Unkel wurde von Jürgen Reiche gestaltet, dem Ausstellungsdirektor des Hauses der Geschichte in Bonn und Bürger des Ortes. Der Höhepunkt des Museums ist Brandts privates Arbeitszimmer, das Brigitte Seebacher zur Verfügung stellte. Detailgenau bis zu den Vorhängen, der Schreibtischlampe und der Anordnung der Bücher wird dokumentiert, wo der welterfahrene Staatsmann arbeitete, wenn er von seinen globalen Visiten zurückkehrte, in Unkel zur inneren Ruhe fand und an lokalen Festen und Feiern teilnahm. Ein Bürger unter Bürgern wollte er sein.

Filme, Briefe, handschriftliche Manuskripte und zahlreiche Portraitfotos runden das Angebot des Museums ebenso ab wie Erinnerungen Unkeler Bürger an den früheren Kanzler und Memorabilien, gelagert in einstigen Privatfächern des Tresors. Ein Tresor im Museum? Ja. Denn das Gebäude war bis vor wenigen Jahren die städtische Sparkasse. Als sich eine Unkeler Bürgerstiftung konstituierte und das Projekt vorantrieb, Willy Brandts Andenken mit einem Museum zu würdigen, konnte man dieses Haus nutzen. Viele Bürger gaben Spenden, und das Land Rheinland-Pfalz schoss eine ordentliche Summe zu. Keinerlei Unterstützung gibt es hingegen von der SPD, denn das Willy-Brandt-Zentrum ist ein privates Projekt, das sich auf die Eintrittsgelder sowie auf das Engagement vieler ehrenamtlicher Mitarbeiter stützt.

Im kommenden Jahr, anlässlich seines 100. Geburtstags, wird man sich in Deutschland verstärkt an Willy Brandt erinnern. Ein Besuch in Unkel ist eine Zeitreise in ein Nachkriegseuropa, in dem Sozialdemokraten wie Brandt, Bruno Kreisky und Olof Palme großen politischen Einfluss nahmen. Verlässt man das Museum, kann man die Zeitreise fortsetzen. Schließlich haben auch Konrad Adenauer und Ferdinand Freiligrath in dem Weinort Spuren hinterlassen. Mit seinem idyllischen Ortszentrum, vielen historischen Gebäuden, seiner Rheinpromenade sowie Hotels und Weinrestaurants bieten sich Unkel wie auch das Umland ohnehin als Ausflugsziel an.

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